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submitted 1 month ago* (last edited 1 month ago) by Jemand_DrachenSchaf@feddit.org to c/SchreibenUndPosten@feddit.org

Mainly German – English posts welcome.

Willkommen bei Write and Post - dem Ort, an dem alles erlaubt ist, was nicht verboten ist.

Dieser Fightclub hat nur eine Regel: Widerrechtliches wird entfernt.

Was darf hier rein?

  • Texte (politisch, persönlich, satirisch, ernst, albern, egal)
  • Bilder, Videos, Links (solange sie nicht gegen Gesetze oder Plattformregeln verstoßen)
  • Meinungen (auch die, die ich für falsch, frech oder übertrieben halte)
  • Kommentare (auch beleidigende... Beleidigungen entlarven vor allem den der sie loslässt, aber Beleidigung ist ein Anzeigedelikt, euer Gegenüber kann euch belangen)

Was fliegt raus?

  • Hetze, Aufrufe zu Gewalt, Drohungen, Doxing: alles, was rechtlich oder plattformtechnisch nicht durchgeht und sowieso das Ende der Debattierfähigkeit anzeigt.

Hier soll ein Ort sein, an dem wir streiten, aber die Meinung des anderen bleibt stehen, an dem wir uns Blickwinkel ansehen, die uns unangenehm sind. Aber auch ein Ort an dem wir lachen, vielleicht sogar auslachen und auch das bleibt stehen.

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Egal ob ihr wen hübsch findet, oder hässlich, oder nur aufbauen wollt. Das einzige was ein Kommentar zum Äußeren eines Fremden bestärkt, ist die Fixierung aufs Äußere.

#Bodyneutrality

Halt dein Maul

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Zahlen sagen manchmal mehr als Worte Diskussionen auf Reddit sind meist unerfreulich, aber dieses mal bekam ich eine echte Inspiration, durch einen Beitrag von u/MissingXpert, der sich eigentlich mehr auf den Platzverbrauch bezog, kam ich auf die Idee das ganze mal mit einfachsten Mitteln auf den CO2-Austoß zu beziehen. Das Umweltbundesamt und der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen rechnen mit Personenkilometern und verwenden dabei Angaben, die nicht mal genauer erklärt werden, ich finde man kann das viel anschaulicher darstellen.

Wie viele Passagiere müssen im Bus sitzen, damit es sich vom Verbrauch her lohnt? Zunächst Dieselbus gegen Dieselauto

Branchenintern wird ein Omnibus meist mit 37,5 l/100 km angenommen. bei 2,65 kg CO2/l Diesel kommen wir dann auf:

37,5 l/100 km × 2.650 g CO2/l = 99.375 g CO2/100 km

993,8 g CO2 pro Kilometer pro Bus

Branchenintern wird ein Diesel-Pkw meist mit 6,5 l/100 km angenommen. bei 2,65 kg CO2/l Diesel kommen wir dann auf:

6,5 l/100 km × 2.650 g CO2/l = 17.225 g CO2/100 km

172,3 g CO₂ pro Kilometer pro PKW

Ab 6 Autos (6 × 172,25 g = 1033,8 g CO2 pro KM) überschreiten die Autos die 993,8 g CO2 des Busses.

Es ist klar, dass dies eine rein theoretische Rechnung ist, die auf Verbrauchsannahmen basiert, aber es war für mich äußerst erstaunlich, dass die Zahl derart klein ist. 6 Leute sind nichts in einem Bus.

Ich wollte aber noch verrückter werden.

Dieselbus gegen E-Auto Strommix-DE-betriebene PKW gegen die Dieselgurke, die hoffentlich bald gegen einen Elektrobus oder mindestens Hybrid getauscht würde (hier sind die Daten vom Bundesumweltministerium aus dem Hintergrundpapier Klimabilanz Elektromobilität, Link unten).

Stromverbrauch: 17,3 kWh/100 km (VW e-Golf, ADAC Ecotest)

DE-Strommix 2020: ~450 g CO2/kWh (UBA, 42,1 % erneuerbar)

17,3 kWh/100 km × 450 g CO2/kWh = 7.785 g CO2/100 km

77,9 g CO2 pro Kilometer pro E-Auto (nur Betrieb, ohne Batterieproduktion)

Ab 13 Personen im Bus, ist die Dieselgurke besser von der CO2 Bilanz als wenn die 13 Personen in 13 E-Autos fahren würden.

Jap, 13 sind nicht immer und überall erreichbar, aber hier trat Diesel gegen E-Auto an.

Zum Selbstrechnen, der E-Bus betritt die Arena

Ein Elektro-Solobus braucht lt. dem Abschlussbericht der Begleituntersuchung E-Busse des Bundeswirtschaftsministeriums (Link unten) 1,5 kWh/km im Winter.

1,3 kWh/km × 450 g = 585 g CO2 pro Elektrobus pro Kilometer

Den Rest könnt ihr euch selbst ausrechnen.

Wie viele Leute müssten auf ÖPNV umsteigen, dass sich die Herstellung eines E-Busses lohnt?

1 Linienbus (12 m):

großzügige Schätzung E-Bus 150 Tonnen CO2äquivalent (Dieselbus grob 120 Tonnen) CO2äquivalent) Quelle: Swedish Environmental Research Institute Gothenburg, Sweden (Link unten)

1 Diesel-Pkw (Kleinwagen):

Schätzung 7 Tonnen CO2äquivalent Quelle: VDI Verein Deutscher Ingenieure Analyse der CO2äq-Emmisionen von Pkw mit verschiedenen Antriebssystemen (Link unten)

Von der Herstellung her müssten es wenn man großzügig schätzt 22 durchschnittliche Passagiere sein.. aber das ist mehr Schätzung, weil sich ein "Bus-Leben" und ein "Auto-Leben" unterschiedlich abspielen und man diese 22 Leute dazu bringen müsste KEIN Auto zu kaufen. So, da wir nun geklärt haben, für wie unglaublich sinnvoll ich den ÖPNV halte, sollte ich mal meine Meinung zu den Fragen die dann immer kommen klären.

Wie bekommen wir genug Fahrer?

Das ist eigentlich keine große Frage. Das macht das Jobcenter und das Arbeitsamt nämlich ständig. Es werden Ausbildungen, Umschulungen (verkürzt eventuell für Taxi- und LKW-Fahrer) stark gefördert oder einfach komplett bezahlt. Also dass es den Auszubildenden nichts kostet und den Betrieb eventuell auch nicht. Das wird ständig gemacht.

Das nächste wird auch ständig gemacht, nämlich Ausschreibungen. Auch für andere Dinge wie die Müllabfuhr. Aber auch für Buslinien. Ich glaube die minimalen Löhne und Gehälter festzusetzen ist leider nicht so häufig mit drin. Ich denke, das dürfte gesetzlich schon möglich sein und wenn nicht, dürfte die Verordnung auch so zu ändern sein, dass die Ausschreibenden, also die Gemeinden und Kreise, die Löhne/Gehälter festsetzen dürfen. Natürlich die Buslinien, die von den Städten und Gemeinden und Landkreisen selbst betrieben werden, genauso gute Löhne zahlen.

Würden uns die Leute, die jetzt dann sich umschulen lassen zum Busfahrer oder die gleich Busfahrer uns anderswo fehlen? Na sicher würden die uns fehlen. Wenn man etwas großes wie die Verkehrswende umzusetzen will, wird das Einschränkungen verursachen. Damit kommen wir gleich zum nächsten Thema.

Warum sollten wir diese Einschränkungen in Kauf nehmen?

Ich höre das immer, wir in Deutschland verursachen nur ein Prozent oder so von den Treibhausgasen. Ja, das ist ja ganz gut, dass wir nur so wenig verursachen, obwohl wir so viel produzieren. Innerhalb Deutschlands, innerhalb der EU ist das alles schwierig und der weltweite Einfluss vielleicht nicht so gigantisch. Aber wenn ihr einen Weg wisst, wie man die USA, China, Russland und den Rest der Welt außerhalb Europas dazu bringt, dass die ihren Ausstoß reduzieren, also wirklich massiv reduzieren. Erzählt mir, wie ihr es schaffen wollt, ernst gemeint. Ich hätte auch ein paar Ansätze, aber ich bin ratlos, wie wir es in voller Gänze schaffen wollen.

ÖPNV wird nicht reichen.

Nein, wird es nicht. Da müssen wir sehr viel mehr tun. Vor allem in der Industrie ganz viel. Das ist der viel größere Produzent als der Verkehr. Trotzdem können wir nicht einen Teil weglassen. Aber die Industrie wird nicht nur sich weit einschränken müssen und weit umdenken müssen.

Wer soll das bezahlen?

Naja, zum einen, ehrlich gesagt, diejenigen, die unbedingt noch Autofahren wollen. Sie bezahlen ja jetzt schon, und es wird noch mehr werden, auch um die Autoanzahl zu reduzieren und die Passagiere im ÖPNV zu erhöhen. Aber es soll auch garantiert nicht nur der Kunde, nicht nur der einzelne Bürger in die Verantwortung gezogen werden, sondern vor allem die Verantwortlichen. Wer ist verantwortlich? Die Ölkonzerne zum Beispiel, die Autoindustrie zum Beispiel, die Stahlindustrie und so weiter und so fort. Die sollten massiv dafür zahlen, dass sie massiv verursacht haben. Und übrigens von den neuen Medien unbedingt KI. KI ist ein unglaublicher Stromverbraucher. Auch da massiv besteuern. Dann sollten wir allgemein, abseits des Stromverbrauchs der Firmen, darauf achten, dass ausländische Firmen, die hier ihre Dienstleistungen und Services und Produkte anbieten, hier auch ganz normal ihre Steuern bezahlen. Und vielleicht auch drauf achten, dass unsere großen Firmen so auf dem Level Steuern bezahlen, wie sie kleine Selbstständige bezahlen.

DE-Strommix: https://www.bundesumweltministerium.de/themen/verkehr/elektromobilitaet/klima-und-energie

Verbrauch E-Bus: https://www.bundeswirtschaftsministerium.de/Redaktion/DE/Publikationen/Studien/abschlussbericht-begleituntersuchung-e-busse-oepnv.pdf?__blob=publicationFile&v=1

CO2äquivalente Pkw-Produktion: https://www.vdi.de/fileadmin/pages/vdi_de/redakteure/themen/Mobilitaet/Dateien/3718_Publikation_Factsheet_VDI-Analyse_der_CO2-Emissionen_Internet__1_.pdf

CO2äquivalente Bus-Produktion: https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S1361920919302792

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submitted 5 days ago* (last edited 5 days ago) by Jemand_DrachenSchaf@feddit.org to c/SchreibenUndPosten@feddit.org

Mich lies das Thema von eben nicht los Die Physik ist kein Parteimitglied

Es gibt Menschen, die leugnen physikalische Zusammenhänge, die seit dem 19. Jahrhundert bewiesen sind und man von Achtklässlern in Schulaufgaben zu lösen erwartet. Da kann nicht mehr von fehlendem Verständnis geredet werden sondern von Weigerung und vor allem der Hybris schlauer zu sein als alle vor einem und schlauer als alle Zeitgenossen, die dir diese elementaren Zusammenhänge herleiten könnten und in allen Sprachen, Dialekten und Akzenten dieser Welt erklären können warum sie gelten.

Beispiel:

Thermischer Wirkungsgrad von Verbrennungsmotoren

ɳ = W/Q~h~

ɳ - Thermischer Wirkungsgrad des Verbrennungsmotors

W - Pro Zyklus im Verbrennungsmotor geleistete Arbeit

Q~h~ - Durch Verbrennung pro Zyklus hinzugefügte Wärme

Höchster theoretisch möglicher Wirkungsgrad (Carnot-Wirkungsgrad)

ɳ~c~ = (T~h~ - T~k~)/T~h~ = 1 - T~k~/T~h~

ɳ~c~ - Carnot-Wirkungsgrad

T~h~ - Temperatur (heiß)

T~k~ - Temperatur (kalt)

Ich hasse Formeln, mag aber das Wissen dahinter, der sogenannte Carnot-Wirkungsgrad wird höher, je größer die Differenz der beiden Temperaturen ist. Nach oben und unten sind die Themperaturen in einer Verbrennung natürlich immer begrenzt, also gibt es (auch abseits von Reibungsverlusten) in einem Verbrenner niemals einen Wirkungsgrad von 100%.

Technisch werden dann allerdings auch vom Carnot-Wirkungsgrad nur Wirkungsgrade von etwas mehr als zwei Drittel dieses Wertes erreicht.

Sehr effiziente Verbrennungsmotoren können den Kraftstoffverbrauch minimieren und Leistung maximieren, aber die Gesetze der Therodynamik setzen hier Grenzen. Und egal wie wenig Kraftstoff verbraucht wird, durch diese Verbrennung entsteht Kohlendioxid... Ausflug in Chemie-Grundlagen machen wir nächstes mal.

Und nun? Du glaubst das nicht?…

Kein Ding, ich hatte ne 4- im Physik-Abi, glaub mir nicht...

Ach du glaubst das auch nicht wenn das jemand mit Ahnung sagt...

Ok. Dann widerlege es! (Kann sein, dass du erst mal etwas Physik studieren musst um das mit dem Widerlegen überhaupt ernsthaft zu versuchen)...

Ach du willst es nicht widerlegen, du glaubst es einfach nicht... Der Physik ist egal was du glaubst, sogar was Physiker über sie wissen ist ihr egal...

Wissenschaft ist kein Glaube. Sie ist der Versuch, das zu beschreiben was IST. Ob man an Gott glaubt oder nicht, ob man die Regeln mag oder nicht: Die Schwerkraft wirkt. Chemische Verbindungen bilden sich. Organisches Leben hat Grenzen. Wer das leugnet, leugnet nicht die Wissenschaft, er leugnet die Realität.

Und das Schlimmste? Menschen die die Realität ablehnen, dürfen wählen. Sie dürfen Auto fahren. Sie dürfen Kinder erziehen. Sie leben in einer Welt, die sie nicht verstehen WOLLEN.

Dabei ist diese Welt faszinierend. Ein einziger Kubikmeter Erde birgt mehr Geheimnisse, als ein Mensch oder eine ganze Wissenschaftsdisziplin in einem Leben entschlüsseln könnte. Doch statt Ehrfurcht zu empfinden, erfinden sie ihre eigenen Regeln. Statt zu staunen, verweigern sie das Sehen.

Das ist keine Dummheit. Das ist Hybris.

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submitted 6 days ago* (last edited 6 days ago) by Jemand_DrachenSchaf@feddit.org to c/SchreibenUndPosten@feddit.org

Verbrennungsmotoren sind technisch ausgereift. Und genau das ist das Problem. Denn sie stoßen an physikalische Grenzen. Selbst moderne Benzinmotoren erreichen oft nur etwa 20 bis 30 Prozent Wirkungsgrad. Dieselmotoren liegen etwas höher bei rund 30 bis 40 Prozent. Das bedeutet: Ein Großteil der Energie geht als Wärme verloren. Der Grund liegt in der Thermodynamik. Bei der Verbrennung lässt sich ein großer Teil der Energie nicht in Bewegung umwandeln. Elektromotoren dagegen kommen auf über 90 Prozent Wirkungsgrad.

Ich persönlich würde eher zu dem Schluss kommen, dass wir eine Zukunft mit nur sehr punktueller individueller Mobilität planen sollten. Ohne eigenes Fahrzeug vor beinahe jedem Haus. Elektromobilität ist in meinen Augen keine Lösung, sondern eine Krücke, für die wenigen Fälle in denen Individualverkehr zwingend die einzig mögliche Lösung ist. Aber mit dem Punkt zu Verbrennern gehe ich absolut mit.

Basti on Instagram: "Hocheffiziente Verbrenner wird es nicht geben Video Quelle: Harald Lesch München 18.4.2026 @energiederzukunft https://www.instagram.com/reel/DXWD3GnDPUs/

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Die Handbremse (feddit.org)
submitted 4 days ago* (last edited 4 days ago) by Jemand_DrachenSchaf@feddit.org to c/SchreibenUndPosten@feddit.org

Du sitzt in einem Auto, auf dem Beifahrersitz. Hinten drin sitzen Kinder. Es sind nicht deine, aber es sind Kinder und du fühlst dich so ein bisschen dafür verantwortlich, dass sie heil ankommen.

Am Ende einer langen Geraden, siehst du schon sehr, sehr weit im Voraus eine steile Kurve vor einem Abgrund...

Du bist dir sicher, der Fahrer fährt viel zu schnell für diese Kurve, ihr werdet rausfliegen.

Also redest du mit dem Fahrer. Du sagst: "Hey, kannst du mal ein bisschen bremsen? Wir sind echt ein bisschen schnell." Der Fahrer reagiert nicht.

Okay, denkst du dir, wir sind ja noch weit weg. "Kannst du mal den Fuß so ein bisschen vom Gas nehmen? Einfach nicht so viel Gas geben?".

Der Fahrer erklärt dir, dass ihn das in seiner Freiheit einschränkt, dass er nicht anständig leben kann, wenn er den Fuß vom Gas nehmen muss.

Du sagst: "Hey, da hinten sind Kinder. Könntest du ein bisschen von deiner Freiheit abgeben, damit die ein glückliches und gesundes Leben führen können?

Der Fahrer tritt den Kickdown durch.

Du schweigst und dein Blick senkt sich zur Handbremse, die zwischen euch ist. Und du überlegst, ob die Gefahr größer ist, jetzt auf dem flachen Land die Handbremse zu ziehen und zu schleudern oder auf diese Kurve an der Klippe zu zu rasen.

Wir haben versucht zu überzeugen, wir haben geredet, diskutiert, Fakten geliefert, mit Titeln geprahlt, mit Studien gewedelt, Blödsinn gemacht, Grenzen überschritten, demonstriert, uns überall möglich und unmöglich fest gekettet, Gesetzesinitiativen eingereicht, Parteien gegründet, Petitionen eingereicht, Lieder geschrieben, Filme gedreht, Bücher geschrieben, geschrien, gebettelt, zu getextet, provoziert, polemisiert, Videos und Reels gemacht, Sarkasmus benutzt, uns über alle lustig gemacht, in Social Media geschrieben... ihr habt Gas gegeben...

Was können wir tun? Was wäre die Handbremse? Ökodiktatur? Ist sie die einzige Lösung? Ich bin ratlos... ich bin doch Demokrat, ich will diese Bremse nicht, ich will sie nicht wollen, ich will sie nicht brauchen, ich will doch überzeugen und nicht zwingen...

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submitted 1 week ago* (last edited 1 week ago) by Jemand_DrachenSchaf@feddit.org to c/SchreibenUndPosten@feddit.org

Dies ist meine persönliche Einschätzung auf Grund meiner Erfahrungswelt, es gibt Theorien die in eine ähnliche Richtung zeigen, aber die will ich hier gar nicht versuchen zu erläutern, denn dass haben klügere bereits getan.

Arbeit als Grundreligion in „westlichen" Gesellschaften

Update: westlich ist hier in Anführungsstrichen, da heute quasi alle Gesellschaften so aufgebaut sind. (Danke, für den Hinweis in den Kommentaren)

Wie oft ich Sätze gehört habe, die wie folgt aufgebaut waren: „Er*sie war zwar [hier beliebige schlechte Eigenschaft einfügen], aber war immer fleißig." Fast eine Absolution fürs schlecht sein. Oder auch ein Klassiker: „Ich habe nichts gegen Ausländer, solange sie arbeiten.". Das drückt beides die Haltung aus, das Arbeit und Fleiß jemanden wertvoll machen, das Nützlichkeit über den Wert eines Menschen entscheidet. Denn im Umkehrschluss kann man es interpretieren als: Wer faul ist, wer nicht arbeitet ist wertlos, oder zumindest wertloser, als ein schlechter Mensch der Fleiß zeigt.

In einem älteren Text habe ich mich bereits mit Faulheit als „Sünde" und Fleiß als „Tugend" beschäftigt, wer mag findet ihn hier: https://feddit.org/post/29241578

Zum Teil geht diese Fixierung auf Arbeit viel weiter als nur die Fleiß/Faulheitsdebatte und weiter als nur die wirtschaftliche Abhängigkeit von Arbeit. In meinem Umfeld sind immer wieder Menschen, die ihr Leiden an der Arbeit wie einen heiligen Schild vor sich her tragen. Ungerechte Chefs, mobbende Kollegen, grauenhafte Arbeitszeiten, körperliche Überlastung, schlechte Bezahlung usw. gelten quasi als Ehrenabzeichen. Die Arbeit ist das Kreuz das getragen werden muss, bis man nach dem Renteneintritt endlich ins wahre Leben aufersteht. Eine Erlösung durch Leid, wenn man so will.

Selbstoptimierung als Buße und Beichte

Fitness, Produktivität, Zeitmanagement sind die neuen Sakramente. Apps, Tracker, Selbstkontrolle der moderne Beichtstuhl, fehlende Leistung die zu beichtende Sünde. Der vollkommene Arbeiter ist frei von Faulheit, Krankheit, Erschöpfung (Friedrich Merz gefällt das). Wenn man scheitert ist das moralisches Versagen, nicht Systemfehler oder schlicht Überlastung.

Das absolute Seelenheil erlangt man in diesem Glauben natürlich nur durch Leistung und Produktivität: „Ich hab's mir erarbeitet.". Für Gnade ist allerdings kein Platz, nur für Output. Beruflicher Erfolg ist unsere säkulare Erleuchtung.

Arbeit als Quelle der Identität

Die Frage: „Was arbeitest du?" ersetzt „Wer bist du?" und ist scheinbar unumgänglich in jedem ersten Kennenlerngespräch. Unsere Berufe sind unser Identitätsanker, Arbeitslosigkeit hingegen bedeutet quasi Identitätsverlust.

Nützlichkeit als Existenzberechtigung

Wie soll man diese Religion anders interpretieren, als das man gefälligst nützlich zu sein hat, wenn man es nicht ist, wird man notfalls geduldet, hat aber den ganzen Tag dankbar zu sein und natürlich regelmäßige Bußgänge zu machen, die eine komplette und oft wiederholte, demütigende Offenlegung des ganzen Lebens vor den Almosengebern (Ämtern) beinhalten. Ob ein Mensch ethisch gesehen ein gutes Leben führt ist in dieser Religion irrelevant, wenn er dauerhaft keinen Nutzen erfüllt und sich vielleicht noch anmaßt nicht mit genug Demut aufzutreten.

Und schließlich,

wie im Christentum, muss es ja auch die Möglichkeit zum Märtyrertod geben: BURNOUT!

Wer das geschafft hat, wird automatisch heilig gesprochen, vom Geist der ungebremsten Selbstkapitalisierung oder so.

*Na, wer empfindet das Bedürfnis seine Religion zu verteidigen? Gläubige sind ja oft ein wenig empfindlich, wenn man ihr Heiligstes spottet.Aber ich bin Religionskritiker seit ich erwachsen bin, also immer her mit eurer Empörung.

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262 Ciao YouTube (feddit.org)

Als Konsument bin ich erst mal raus bei YouTube.

Es gibt viele Sachen, die mich schon seit langem dort ärgern. Zum Beispiel die Werbung, die immer mehr in shady Kategorien abrutscht. Ich habe wiederholt stark sexualisierte AI-Girlfriend-Werbung bekommen, oder Alkohol-Werbung, obwohl ich sogar Getränke komplett geblockt habe (bin trockener Alki), blockiere immer wieder Werbung für die katholische Kirche, ich bekomme Werbung für irgendwelche komischen Beraterfirmen, die teilweise ins Esoterische driften. ICH WILL DAS NICHT MEHR! Diese Seite ist weit davon entfernt, eine familienfreundliche App zu sein, was für mich okay wäre, wenn sie dazu stehen würde und nicht gleichzeitig Creatoren die aufklärend arbeiten für das Wort "Missbrauch" oder ähnliches shadowbannen würden.

Und dann ist noch der Content. Natürlich gibt es sehr guten, sehr qualitativ hochwertigen Content auf YouTube. Aber mein allgemeiner Boykott-Monat fußt ja nicht nur darauf, dass ich US-amerikanische Seiten und Algorithmen kritisiere, was ich auf jeden Fall tue, sondern auch, dass ich ein Suchtmensch bin und sehr leicht empfänglich für süchtig machende Inhalte. Und so bin ich schon vor Jahren in dieser ganzen Reaction-Gossip-Bubble gelandet. Manchmal auch Videos über Trash-TV, Berichte über TikTok, oder was auf Instagram los ist, weil ich auf diesen Plattformen, nicht viel oder gar nicht unterwegs bin. Manchmal ging es auch um amerikanische YouTube-Bubbles, da bin ich aber bald wieder ausgestiegen. Hauptsächlich aber Content rund um YouTube-Deutschland. Und YouTube-Deutschland... holla die Waldfee... die letzten Jahre... das war nicht lustig!

Da hatten wir Unge, IBlali und Exfreundinnen. Wir hatten Shurjoka und KuchenTV. Da hatten wir Tanzverbot und Lola. Da hatten wir Anni, Mowky, Reeved usw. und haben wir schon wieder. Und ehrlich, ich kann das nicht mehr! Wir haben sehr viel über Katzen gehört. Das mag von der Tierschützer-Bubble her spannend sein. Wir haben viel über Arbeitsbedingungen und (teilweise versuchten) Rufmord bei Kooperationspartnern gehört. Diese Aspekte finde ich tatsächlich auch interessant und unbedingt aufklärenswert. Wir haben aber auch unfassbar viel über unfassbar private Sachen gehört und wir hören sie immer noch und ich bin jetzt raus.

Ich habe es mir jetzt sehr einfach gemacht. Ich hab die YouTube-App nicht mehr auf dem Handy. Da ich weiß, dass ich ein Suchtmensch bin und es nicht schaffe, nur anderen, hochwertigen Content zu konsumieren. Das war mein Hauptkonsummedium, mein Fernsehen. Ins Bett kuscheln, YouTube an. Ich hatte ja teilweise auch schon gleich mit dem Beginn des Wiederhochholens der Mowky-Anni-Thematik YouTuber im großen Rahmen deabonniert, die auf das Thema aufsprangen. Trotzdem habe ich ab und zu immer wieder was mitgekriegt und heute war es, muss ich sagen, das Solmecke-Video, das den Schlusspunkt setzte. Ich habe nichts gegen Christian Solmecke. Aber ich hatte keine Lust, weitere intime Details dieser beiden Influencerinnen zu hören.

Versteht mich nicht falsch. Ich habe überhaupt kein Problem, wenn über Sexualität geredet wird. Wenn jemand selbstbestimmt darüber redet, und entscheidet wie viel man preisgegeben will. Es gehört auch zu meinem künstlerischen Konzept, ein ganzes Leben zu zeigen und auch diesen Lebensbereich nicht auszusparen. Ich habe ihn auf YouTube ziemlich raus gelassen, weil ich YouTube nicht als die Plattform dafür sehe.

Ich möchte das aber nicht über zwei Influencerinnen hören, die zumindest in diesem Augenblick anscheinend nicht direkt zugestimmt haben, dass so etwas an die Öffentlichkeit kommt. Auch dieser Mr. X hat dieser radikalen Offenlegung in diesem Moment wahrscheinlich nicht zugestimmt.

Ich möchte nicht weiter zusehen und mitbekommen, wie Leute Leute an einen Pranger gestellt werden. Niemand ist gecancelt. Es gibt kein Canceln. Aber die Community, die für Anni, Mowky, oder auch Lola damals übrig bleibt, wird toxischer und toxischer mit jedem Wort mehr. Und ich möchte nicht in der Haut von allen Beteiligten stecken.

Ich bin selbst psychisch schwer krank. Und ja, dann ist man manchmal unfair. Da steigert man sich in Sachen rein, ist im alten Erleben und projiziert auf Unschuldige oder nur Teilschuldige. Passiert mir auch. Gebe ich ehrlich zu. Aber diese jungen Leute, die haben da Jahre investiert, ihr Business darauf aufgebaut. Das ist alles, was sie aufgebaut haben. Und jetzt reißen sie sich gegenseitig ins Aus und viele reißen mit.

Die ganze Sache war im ersten Durchlauf schon äußerst unangenehm und jetzt ist sie schlicht unerträglich geworden.

Ich will dem ganzen Zirkus keine Klicks mehr geben und das würde ich, wenn ich die App weiter als Konsument nutze. Ich werde nach meinem allgemeinen US-Boykott-Monat vielleicht wieder Shorts und Videos posten, aber wirklich versuchen als Konsument abstinent von der Plattform zu bleiben.

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260 one night in... (thelemmy.club)

geteilt von: https://feddit.org/post/29038690

One Night in... HAMBURG

Ich hatte ein Short geplant über diese Nacht in Hamburg: ein anderes Lied, eine andere Stimmung. Doch dann lief ich die Reeperbahn entlang, stand am Beatles Platz, kam am Fischmarkt an, sah den Hafen und plötzlich war klar: One Night in Bangkok. Langsam, dramatisch aufbauend, eine Ouvertüre für die Stadt. Und den Rest seht selbst.

https://makertube.net/w/dXufZkBXN63Zuf5RALVzzT

Hamburg ist groß. Der Hafen ist wie ich ihn mir immer vorgestellt habe: Frankfurt-Flughafen als Hafen. Diese Stadt hat mich in jeder Hinsicht erwischt, ich war voll von Eindrücken. Viel mehr als Berlin, mit dem ich nie warm werde, viel mehr als das bayerisch-überhebliche München mit seiner ordentlichen Schönheit, mehr als der Ruhrpott mit seiner bunten Weltoffenheit und Bodenständigkeit, mehr sogar als das leicht größenwahnsinnige Frankfurt, das sich für mich wahrscheinlich immer fast wie Heimat anfühlen wird. Du hast mich, Hamburg! Mit deiner kühlen, ernsthafen, teuren, überbordenden, nötigen Größe.

Hamburg, du has(s)t mich! Ich muss wiederkommen.

Doch Vorsicht: One Night in Hamburg makes a hard man humble.

AltText zum Short: erst der dramatische Auftakt, dann der Moment, in dem das Wort „Bangkok“ fällt und Hamburg als Leuchtschrift aufschreit. 30 Bilder je 0,5 Sekunden, Hafen, Sonnenaufgang über dem Fischmarkt, Speicherstadt, Elbphilharmonie. Ein Feuerwerk aus Eindrücken. So wie es sich anfühlte

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...warum halte ich das für höchst problematisch?

[Ich nutze ein generisches Femininum und meine alle damit.]

Es ist gut, dass Menschen über psychische Erkrankungen sprechen. Dass sie ihre Erfahrungen teilen, aufklären, Solidarität schaffen. Gerade auf Plattformen wie TikTok, Instagram oder YouTube geben Creator mit Diagnosen wie ADHS, Autismus, Borderline oder DID Einblicke in ihr Leben und das ist wichtig. Ich will auch nicht diskutieren, wer die Diagnose nun wirklich hat und wer nicht, denn der Weg zu einer offiziellen Diagnose ist oft lang und steinig. Ich weiß das aus eigener Erfahrung: Meine bipolare Störung wurde erst spät erkannt, nach Fehlmedikationen und Jahren des Suchens. Doch ob die Diagnose korrekt ist oder nicht, macht überhaupt keinen Unterschied für meinen Text.

Es gibt eine gefährliche Entwicklung: Immer mehr Menschen glorifizieren ihre Erkrankungen. Sie präsentieren sie quasi als „Superkräfte“. Autistinnen seien „genialer“ als andere, ADHSlerinnen „produktiver“, Borderlinerinnen „hyperempathisch“. Das ist nicht nur falsch, es ist schädlich. Und zwar auf mehreren Ebenen. Und die Plattform-Algoritmen lieben dramatische Formulierungen...

Die Illusion der Überlegenheit

Wenn jemand ihre Diagnose zur Superkraft erklärt, stellt sie sich selbst über andere. Und leider sehr häufig nicht wegen einer konkreten, vergleichbaren Fähigkeit etwa, dass sie Matheaufgaben schneller löst oder Projekte effizienter managt. Sondern mit pauschalen Behauptungen: „ADHSlerinnen erledigen alles schneller.“ „Autistinnen sind klüger als andere.“ „Borderlinerinnen sind die wahren Empathinnen.“

Das Problem: Solche allgemeinen Aussagen sind selten wahr und vor allem sie schaffen eine künstliche Hierarchie. Wer sich selbst zum Übermenschen stilisiert, macht andere automatisch zu Unterlegenen. Das belastet Beziehungen, kann zu Isolation führen („Die anderen verstehen mich nicht, weil ich zu besonders bin“) und kann ein Opferdenken verstärken: „Die Welt ist neidisch auf meine Superkraft.“

Doch das Schlimmste: Es setzt andere mit derselben Diagnose unter Druck. Stell dir vor, du hast Borderline, ADHS oder eine ähnlich schwere Diagnose und kämpfst täglich und musst alle Register ziehen um überhaupt zu überleben: Psychiatrieaufenthalte, Medikamente, betreutes Wohnen... . Und dann liest und hörst du überall: „Borderline ist eine Superkraft! ADHS ist eine Superkraft! Wenn du sie richtig nutzt bist du sogar besser wie andere!“ Wie soll das nicht verzweifelt machen? Wenn die eigene Realität nicht im Entferntesten der glorifizierten Version entspricht? "Warum schaffe ich es nicht meine 'Superkraft' zu nutzen?", trifft dann auf Menschen die zum Teil schon zerstörerische Selbstwertprobleme haben.

Hypervigilanz ≠ Empathie

Ich werde hier den Mythos der „Empathinnen“ besonders herauspicken, weil deren "Empathie" oft nach etwas klingt was ich selbst auch an mir erlebe und so gar keine Superkraft ist. Viele Menschen mit Traumafolgestörungen (etwa durch Missbrauch, Mobbing oder Vernachlässigung in der Kindheit) entwickeln Hypervigilanz: eine erhöhte Wachsamkeit, die den Raum nach Bedrohungen abscannt. „Wer könnte mich verletzen? Wer ist gefährlich? Wendet sich das Blatt gegen mich in dieser Unterhaltung?“ Das ist kein Einfühlungsvermögen. Das ist Überlebensstrategie.

Echte Empathie bedeutet, die Gefühle anderer nachzuvollziehen und nicht, die Umgebung zu scannen, um die eigene Sicherheit zu prüfen. Hypervigilante Menschen (also auch ich) sind oft so mit der eigenen Angst beschäftigt, dass sie kaum Kapazität für echte Empathie haben. Im Gegenteil: Sie projizieren ihre Ängste auf andere und liegen dabei häufig falsch.

Hypervirgilanz ist auch keine kognitive Empathie. Wenn ich einen Raum betrete und sofort „lese“, wer „gefährlich“ aussieht, dann ist das keine Gabe. Das ist mein Gehirn, das alte Muster abgleicht: „Der guckt so, wie mein Vater immer geguckt hat, bevor er mich niederbrüllte.“ „Die Stimme klang grad wie die einer meiner Mobberinnen.“ Es sind in den allermeisten Fällen keine bewussten Schlüsse, sondern konditionierte Panikreaktionen. Ein verängstigtes Kind in mir erkennt „Bedrohungen“, die oft gar nicht existieren. Echte kognitve Empathie erfordert Reflexion: „Wenn ich in ihrer Situation wäre, wie würde ich mich fühlen?“, "Warum könnte die Person wütend geworden sein?", "Was könnte an meiner Aussage so beleidigend gewesen sein?". Hypervigilanz fragt nicht. Sie reagiert. Sie sortiert Menschen in „sicher“ und „gefährlich“, ohne zu verstehen, warum jemand so guckt oder spricht. Und vor allem: Sie blockiert emotionale Empathie (bei mir zumindest) komplett. Wenn ich in diesem Modus bin, bin ich so mit meiner eigenen Angst beschäftigt, dass ich die Gefühle anderer gar nicht wahrnehmen kann.

Ironischerweise sind es oft gerade die, die sich als „hoch empathisch“ bezeichnen, die in Wahrheit überfordert sind. Vielleicht nehmen sie zu viele Reize wahr (Hochsensibilität), vielleicht sind sie selbst hypervigilant, aber das macht sie mitnichten zu besonders einfühlenden Leuten. Eher zu Menschen, deren Filter überlastet ist, was kein Verbrechen ist, aber eben auch keine besondere Kraft.

Echte Empathie hingegen erlebe ich bei Menschen, die entspannt in sich ruhen, die nicht ständig auf der Hut sind, nicht sehr schnell überfordert sind, sondern einfach da sein können.

Krankheiten sind keine Geschenke

Psychische Erkrankungen können biologisch bedingt sein, genetisch vererbt oder durch Traumata ausgelöst, oft eine Mischung aus verschiedenen Ursachen. Man kann nichts dafür, dass man sie hat. Aber man sollte auch nicht so tun, als wären sie erstrebenswert. Denn das verniedlicht echtes Leid.

Die beste Rache ist ein glückliches Leben, jeder darf natürlich jeden Vorteil der Störung, Krankheit oder Neurodivergenz nutzen. Aber das bedeutet nicht, das Leid, das einem zugefügt wurde (oft schon im frühen Kindesalter, oder völlig sinnfrei durch Genetik), als „Superkraft“ umzudeuten. Es bedeutet, das Beste aus einer schwierigen Situation zu machen, ohne sie zu verklären. Und ohne sich selbst quasi zu einem Übermenschen zu erklären, so was macht nur einsam.

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geteilt von: https://feddit.org/post/28890961

Ich kämpfe mit dem Suchtcharakter von Social Media, besonders mit dem Verlangen nach der roten 1. Die Abstinenz von algorithmischen Plattformen ist mein aktueller Selbstversuch, um diese Abhängigkeit zu durchbrechen. (Neben der politischen und gesellschaftlichen Problematik, auf die ich aufmerksam machen will). Die ersten fünf Tage zeigen mir wieder mal, dass Cravings [Übersetzung: Verlangen] Wellen sind. Sie kommen, erreichen einen Höhepunkt und schwächen sich wieder ab. Jedes Verlangen nach einem Suchtstoff oder einer Suchthandlung geht auch vorbei. Ich nutze Ersatzhandlungen wie Achtsamkeitsübungen, aus dem Fenster schauen, in den Moment kommen, Gedankenflicflacs, gezielte Worry-Time [aus der Verhaltenstherapie, begrenzte Zeit in der man gezielt Sorgen zulässt] oder mit der KI reden. Das ist alles aus der Verhaltenstherapie, auch dass ich mich nicht bestrafe für Rückfälle und mir ein Belohnungssystem ausgedacht habe wenn ich nicht rückfällig werde.

Am schwersten ist es in öffentlichen Verkehrsmitteln, v. a. im Bus, wenn es eng ist und ich keine Ablenkung wie Kopfhörer habe. Hier ist der Drang, in Social Media zu fliehen, am stärksten. Wartesituationen sind leichter, da ich da Abstand zu anderen Menschen halten kann.

Ich sehe mich als Autor, Performance-Künstler und Content Creator. Ich weiß, dass mein Rückzug von algorithmischen Plattformen schlecht für meine Reichweite ist. Trotzdem halte ich durch, weil ich es für persönlich und gesellschaftlich wichtig halte.

Die rote 1 ist mein größter Trigger. Ich überlege, Benachrichtigungen auszuschalten, will aber weiterhin Links zu meinen Inhalten auf anderen Plattformen pflegen.

Mein aktueller Ansatz ist ein 4-Wochen-Entzug von algorithmischen Plattformen. Stattdessen nutze ich Feddit, Pixelfed, Mastrodon und Wattpad. Rückfälle akzeptiere ich als Teil des Entzugs-Prozesses. Und so lerne ich die anderen Plattformen auch besser kennen. Einen Kritikpunkt daran habe ich bereits entdeckt. Die Bubbelisierung ist dort fast schlimmer als auf den algorithmisch gesteuerten Seiten.

Doch das alles ist es wert, denn wenn ich merke, dass ich süchtig bin (und das merke ich momentan beim Weglassen enorm), dann ist für mich das Wichtigste, dieser Sucht nicht nachzugehen. Ich will nicht fremdbestimmt sein. Mein wichtigstes, mein höchstes Gut ist Selbstbestimmtheit. Das Wichtigste für mich ist meinen eigenen Weg zu gehen. Nicht den Weg, den mir Alkohol vorgibt. Nicht den Weg, den mir Kippen vorgeben, weil ich nachts um drei dann noch drei Kilometer laufen muss, um welche zu haben. Nicht den Weg, den mir Social Media vorgibt. Meinen Weg. Das ist alles wert. Einfach alles.

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submitted 3 weeks ago* (last edited 1 week ago) by Jemand_DrachenSchaf@feddit.org to c/SchreibenUndPosten@feddit.org

Warum "Männer sind noch nicht einsam genug" vorerst richtig ist und nicht nur Männer gemeint sind

Ich bin Anne und auch ich sage immer häufiger einen Satz, der Männer triggert: „Männer sind noch nicht einsam genug.“ Ich sage das nicht, weil ich Männer hasse, so einige mag ich sehr, ein paar hab ich geliebt, deswegen möchte ich hier mal erklären warum ich diese Aussage für richtig und sogar wichtig für die gesellschaftliche Entwicklung halte. Der Text ist zu keinem Zeitpunkt ausschließlich nur auf Menschen, die männlich gelesen werden zu beziehen.

Version 1.1 überarbeitet wegen des Geschlechterbezugs

Warum klagen, wenn man es gar nicht versucht?

Ich erlebe immer wieder: Leute, die über Einsamkeit klagen, aber anderen nicht zuhören. Menschen, die "mansplainen", wie das in der Partnerschaft gewünschte Geschlecht „funktioniert“. Personen, die das gewünschte Geschlecht schlechtmachen, wenn sie keine Beziehung bekommen. Und das Schlimmste? Selbst die „netten“ Leute tun das oft. Die, die sagen: „Ich bin doch so nett, warum will mich niemand?“ Als ob Nettsein ein automatisches Recht auf Verlieben wäre. Als ob Menschen austauschbare Wesen wären, die zufrieden sein müssten, von jemand "nettem" auserkoren zu werden. Nein. So funktioniert das nicht.

Am Beispiel von Pete lässt sich wunderbar erklären, warum Leute angeblich so auf „Arschlöcher“ abfahren. Pete ist nicht der sympathischste Typ, recht egoistisch und berechnend. Aber er hat eine Eigenschaft, die ihn bei Leuten beliebt macht (auch bei mir): Er fragt. Teilweise sogar aus Strategie, weil er weiß wie gut das wirkt, aber auch weil er wirklich etwas über dich wissen will. Er fragt das, was ihn interessiert. Und das ist selten. Zu selten. Denn Menschen (übrigens egal welches Geschlecht, Alter, sexuelle Orientierung) stehen auf Resonanz. Wir wollen gesehen, gehört, verstanden werden. Wer das auch nur ein bisschen tut, sticht heraus. Nicht weil er ein Arschloch ist, sondern weil er Interesse zeigt, aber manchmal obwohl er ein Arschloch ist. Gibt es auch mit umgekehrten Geschlechterrollen und bei gleichgeschlechtlichen Begegnungen, logischerweise.

Selbstwirksamkeit vs. Ohnmacht und die radikale Akzeptanz

Ich bin oft ein Mensch, dem gemansplaint wird. Jemand, der sich anstrengen muss, um ernst genommen zu werden. Selbst in der Kernkompetenz jedes Menschen, des eigenen Lebens. Ich bin es leid, dass mir Leute erklären, wie mein eigenes Leben funktioniert, als wäre ich zu dumm, um meine eigenen Erfahrungen zu deuten.

Ich war immer arm, ich war in der Psychiatrie, ich habe Scheitern erlebt: Freundschaften, Beruf, Studium, Beziehungen, bisher bin ich an allem gescheitert, was ich versuchte. Aber ich habe auch gelernt: Meine (zumindest empfundene) Selbstwirksamkeit ist das, was mich weiter machen lies, Ohnmacht ist deren Feind. Und ich sehe, wie viele diese Ohnmacht selbst aufrechterhalten, indem sie dem gewünschten Geschlecht die alleinige Schuld an der eigenen Einsamkeit geben.

Wer sich als Spielball der Wellen darstellt und ich erlebe das oft, wenn jemand von seinem Leben erzählt, klingt, als wäre er Opfer der Umstände, der Gesellschaft, des Systems, der oder des Ex. Diese Erzählungen klingen unzufrieden, manchmal sind Leute tatsächlich Opfer geworden, im strafrechtlichen Sinne.

Ich habe in meinem Leben viel gelernt, leider auch mit so was umzugehen. Einer meiner Lieblings-Skills, den ich früh in der Verhaltenstherapie gelernt habe, ist radikale Akzeptanz (das hat nichts mit den möglicherweise nötigen rechtlichen Schritten zu tun). Ich kann mich hinstellen und völlig zu Recht sagen: „Das Leben hat mich scheiße behandelt. Das war tierisch ungerecht. Das hat mich kaputt gemacht.“ Und im nächsten Atemzug genauso zu Recht: „Und ich akzeptiere, dass es so ist. Und ich akzeptiere meine gerechtfertigte Wut darüber. Und heute handle ich so, dass ich heute gut klarkomme.“ Die beste Rache ist ein zufriedenes Leben.

Ich war immer Kapitän und Steuermann gleichzeitig auf dem Schiff meines Lebens. Die Politik, die Gesellschaft, das System, die Menschen in meinem Umfeld, die waren der Wind und das Meer. Ich konnte leck gehen, sinken, auf ein Riff laufen, Land finden, verloren gehen, heimfinden, in die Ferne reisen, dümpeln, kreuzen, Fahrt aufnehmen. Mit Rückenwind, mit Gegenwind, mit Flaute, aber immer MEIN Schiff, MEINE Entscheidung wie ich auf Wind und Meer reagiere. Das ist meine Formel für Zufriedenheit. Nicht für Glück, nicht für überschäumende Tollheit. Das Leben ist die meiste Zeit kacke, wenn man mal ehrlich ist. Aber solange ich entscheide was der Kurs ist, fühlt es sich richtig an.

Die Friendzone und die Fragen

Warum sollte man Angst vor der „Friendzone“ haben, wenn man einfach einen Menschen kennenlernen will? Warum glauben Leute, die sehr gern eine Partnerperson hätten, lieber an verrückte Strategien wie Looksmaxxing, statt das gewünschte Geschlecht zu fragen, was sie attraktiv finden? Warum folgen sie seltsamen Alpha-Coaches, statt sich um Therapie zu kümmern, oder selbst zu versuchen, ihr Leben und ihre Psyche auf die Reihe zu bekommen? Warum erklären selbst selbsternannte „nette“ Leute anderen, die sich über Attraktivität äußern, lieber, dass sie natürlich insgeheim was ganz anderes wollen, als diese Aussage schlicht als Datenpunkt abzulegen? Warum lehnen manche den Feminismus ab, anstatt zu begreifen, dass er sie aus der Versorgerrolle befreien und ihnen die Erlaubnis geben könnte, auch mal schwach zu sein?

Fragt Menschen des Geschlechts, das ihr kennenlernen wollt

Ja, Feminismus treibt einen Keil rein, einen anscheinend leider nötigen Keil. Denn solange wir uns nicht als vollwertige Menschen sehen, wird sich nichts ändern. Ich habe keine Lust mehr, das mitanzusehen. Ich habe keine Lust mehr, zuzuhören, wie Leute über Einsamkeit jammern und im nächsten Satz das gewünschte Geschlecht abwerten. Du bist erst dann einsam genug, wenn du ganz persönlich begreifst, warum du einsam bist. Bis dahin: Höre dem gewünschten Geschlecht zu.

Ich habe in anderen Themen lange gebraucht, um das zu verstehen. Ich habe gelernt: Wenn du leidest, musst du etwas ändern. Nicht die Gesellschaft, die kannst du nur indirekt beeinflussen, sondern dich. Wenn das Leid groß genug ist, wirst du handeln oder Hilfe suchen. Und der erste Schritt, wenn man sich eine Beziehung wünscht ist, das gewünschte Geschlecht als Menschen zu sehen. Nicht als Objekte, nicht als Projektionsflächen, nicht als „unverständliche Wesen“.

Warum also nun "nicht einsam genug"?

Und jetzt kommt der schwierige Teil. Denn ich sehe, wie viele Personen genau das nicht tun. Sie warten darauf, dass sich die Gesellschaft ändert. Dass die anderen plötzlich „vernünftig“ werden. Dass das Dating-Leben einfacher wird. Aber die gesellschaftliche Veränderung, die sie vielleicht anstreben, die wird nicht so schnell passieren, vielleicht auch nie. Also: Was könnt ihr ändern, damit es euch selbst jetzt besser geht?

  • Der erste Schritt: Hört auf, anderen zu erklären, was sie eigentlich wollen. Fragt sie. Und hört zu.
  • Der zweite Schritt: Akzeptiert, dass ihr nicht jeden Menschen anziehen werdet und dass das okay ist und dass das sogar unfair sein kann. Akzeptiert eure Wut darüber.
  • Der dritte Schritt: Arbeitet daran, allein klarzukommen. Sucht euch Hobbys, Projekte, Ehrenämter. Engagiert euch. Schreibt, lest, handwerkt, malt, die Liste kann unendlich sein. Sucht Sozialkontakte außerhalb von Beziehungen. Entwickelt eine gewisse Selbsttragfähigkeit. Denn wenn ihr nicht damit klarkommt, allein zu sein, dann wird euer Glück immer von einer romantischen Beziehung abhängen.

Und wenn ihr dann immer noch sagt: „Mit dem gewünschten Geschlecht heutzutage kann man nichts mehr anfangen, die sind alle verdorben“, dann die üblichen Tipps in einer Demokratie: Wenn ihr gesellschaftlich was ändern wollt, dann gründet eine Partei, tretet einer bei, macht Petitionen, schreibt auf Social Media für euer Ziel, engagiert euch politisch. Aber wenn ihr eure persönliche Situation ändern wollt, dann müsst ihr überlegen: „Die Leute heutzutage sind anders, als ich sie möchte. Also deshalb bekomme ich sie nicht. Aber ich möchte trotzdem eine Beziehung. Was kann ich jetzt ändern, damit es mir selbst heute besser geht?“

Fazit:

Ihr seid noch nicht einsam genug. Nicht, weil ich euch bestrafen will. Sondern weil ich hoffe, dass ihr irgendwann versteht, was ich meine. Dass ihr begreift, warum ihr einsam seid. Dass ihr aufhört, das gewünschte Geschlecht zu ignorieren, wenn sie euch etwas über sich selbst erzählen. Dass ihr lernt, Selbstwirksamkeit zu entwickeln, für euch selbst.

Nun, ich bin 44. Es kann sein, das ich nicht mehr erlebe, das dieser Satz unnötig wird, aber ich höre nicht auf, es zu sagen. Denn solange die überwiegende Mehrheit es nicht verstanden hat, bleibt die Überschrift korrekt, egal ob man es auf ein Geschlecht bezieht.

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https://makertube.net/w/76e9DVVRnU4zcjNxcMJRFH

Die Legolas Challenge geht weiter. Und zum ersten Mal auf PeerTube.

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Wenn wir wollen, dass sie gut werden, müssen wir sie nutzen

Dieses Projekt liegt mir persönlich sehr am Herzen, da ich ein Nerd bin, viel am PC hänge, süchtig nach Social Media bin und dort ja auch arbeite.

Alles lief auf diesen Selbstversuch hin, meine Texte über Algorithmen und ihre Macher. Meine verzweifelten Warnungen über die Suchtgefahren von Social Media, über die Bubbelisierung unserer Gesellschaft, darüber, dass (hauptsächlich) US-Konzerne uns wieder und wieder als die Realität ausspielen und was das in unseren Köpfen macht. Und seit Donalds Trump Wiederwahl auch die unangenehm anwachsende Anbiederung von US Big Tech an diesen Präsidenten, der demokratische Werte jeden Tag mit Füßen tritt.

Aber auch andere haben erkannt, dass wir Alternativen aufbauen müssen und die werden nur größer und besser wenn wir sie nutzen. Deshalb bewarb zum Beispiel auch Mark Uwe Kling (Känguru Chroniken usw.) schon die Aktion DI.DAY (https://di.day/de) https://youtu.be/N77AoSweuVs

Mein Projekt führe ich wie geplant als Selbstversuch durch. Einen Monat lang werde ich nur auf europäischen und anderen nicht-US Seiten posten, China und Russland werde ich hierbei allerdings ebenfalls ausnehmen, Länder wie Kanada usw. jedoch nicht.

Auf meinen bisher hauptsächlich genutzten Seiten, wie blogspot, Threads, Reddit, Substrack,Facebook, YouTube usw. werde ich nur Links zu den anderen Seiten posten. WhatsApp werde ich auf Threema verlinken.

Für einen Monat werde ich also ausschließlich europäische und nicht-US-Alternativen nutzen, sowohl als Konsument als auch als Content Creator. Ziel ist es, zu testen, wie alltagstauglich diese Alternativen sind und wo die größten Hürden liegen.

Meine Auswahl der genutzten Anbieter:

Software und Dienste:

Dienst Herkunft/Verwendung Nutzungsdauer
Linux Mint Open-Source Betriebssystem Keine US-Abhängigkeit, 6 Monate
LibreOffice Open-Source Office-Software Standard seit 20 Jahren
Nextcloud Deutschland Cloud 1 Monat
GIMP Open-Source Bildbearbeitung Viele Jahre
KDenLive Open-Source Videobearbeitung 6 Monate
OBS Open-Source Streamingsoftware Viele Jahre
HERE WeGo Finnland Navigations-App 3 Wochen
Ecosia Deutschland Suchmaschine ~1 Jahr
Qwant Frankreich Suchmaschine ~2 Monate
Mistral Le Chat Frankreich KI ~6 Wochen
Threema Schweiz Messenger Viele Jahre, extensiv

Social Media:

Dienst Herkunft Ersatz für Link zu meinen Profilen
Lemmy/Feddit Dezentral Reddit Profil
Pixelfed Dezentral Instagram/TikTok Profil
Mastodon Dezentral Threads/Twitter Profil
PeerTube Dezentral YouTube Profil
Dailymotion Frankreich YouTube Profil
Wattpad Kanada Blogspot, Substack, Medium Profil
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Viele Fragen, wenig Antworten

Wenn wir hier von Einsamkeit sprechen, dann meine ich nicht „keine Partnerperson“ und auch nicht „kein Sex“. Ich meine echte soziale Isolation: wenig reale Begegnung, kaum enge Bindungen, kein stabiles Netz von Menschen, mit denen man regelmäßig spricht, lacht, streitet, sich austauscht. Ein soziales Wesen, das dauerhaft ohne Einbindung lebt, zahlt dafür einen Preis. Es gibt inzwischen genug Hinweise, dass Isolation ein echtes gesundheitliches Problem ist,man kann es nicht mehr als Empfindlichkeit abtun.

Wenn es stimmt und vieles deutet darauf hin, dass Männer häufiger in diese schädliche Form von Isolation geraten, dann sollte man das ernst nehmen. Es ist kein Wettbewerb der Opfer. Und bevor irgendjemand innerlich dichtmacht: Ja, auch Frauen können einsam sein. Ja, auch nicht-binäre Menschen können isoliert sein. Es geht hier nicht vorrangig um Geschlechter, sondern um möglicherweise schädliche Muster. Wenn wir Isolation also als schädlich annehmen, folgt daraus nicht, dass romantische Partnerwahl verpflichtend wird. Eine Beziehung ist kein Sozialamt. Eine Partnerperson ist keine therapeutische Grundversorgung. Sie ist keine gesetzliche Betreuung oder ein betreutes Wohnen.

Vielleicht hilft ein kleiner historischer Blick, nicht als Vorbild, sondern als Kontrast. Es gab immer Menschen, die keine (offizielle) Beziehung hatten. Knechte, Mägde, Besitzlose, Gesellen usw. konnten in vielen Gesellschaften schlicht nicht heiraten, weil sie keinen eigenen Hausstand gründen durften oder konnten. Das war nicht romantisch und sicher nicht gerecht. Aber eines waren sie selten: isoliert. Diese Menschen lebten in Haushalten, Arbeitsgemeinschaften, Verbünden. Hierarchisch, hart, oft unfrei, aber eingebunden. Unverheiratet bedeutete eher selten automatisch allein lebend.

Der Unterschied heute scheint weniger zu sein, dass Menschen keine romantische Beziehung eingehen (können). Der Unterschied ist, dass viele allein leben. Physisch allein leben und mit sehr dünner sozialer Einbindung.

Und wenn Isolation das eigentliche Problem ist, nicht fehlender Sex und nicht fehlende Romantik, dann stellen sich viele Fragen:

Warum diskutieren wir fast ausschließlich über Partnerwahl?

Warum wird aus „mir geht es schlecht“ so schnell „die, die mich nicht wählen sind schuld“?

Warum wird Beziehung zum Reparaturmechanismus erklärt?

Und was sagt das über unsere gesellschaftlichen Strukturen (gerade gegenüber Männern)?

Ich sage das auch aus persönlicher Perspektive, und ich weiß, dass das nicht jeder mögen wird: Auf mich wirkt es abschreckend, wenn ich den Eindruck habe, jemand braucht eine Beziehung, um sein Leben stabil zu halten oder zu bekommen. Nicht, weil mir Einsamkeit egal ist. Sondern weil ich eine Partnerschaft auf Augenhöhe will und kein gesetzliches Betreuungsverhältnis mit Haushaltshilfe und Therapiestunden liefern kann. Wenn ich weiß, dass alles zusammenbricht, wenn ich gehen würde, bin ich faktisch nicht frei zu gehen. Das gilt übrigens unabhängig vom Geschlecht.

Und genau hier beginnt für mich die eigentliche Diskussion:

Wenn Einsamkeit real schadet und wenn romantische Paarbeziehung nicht die Lösung per Verpflichtung sein kann, wie organisieren wir soziale Einbindung?

Wie werden Menschen selbst tragfähig, sodass eine Beziehung Ergänzung ist und nicht Existenzbedingung?

Wo gehen uns Formen von Gemeinschaft verloren?

In der Sozialisation?

In Rollenbildern?

In urbanen Lebensformen?

In der Art, wie wir Freundschaft bewerten?

Ich schreibe das nicht, um jemanden anzugreifen. Wer sich gerade einsam fühlt, hat eine ernsthafte Auseinandersetzung verdient. Aber vielleicht müssen wir unterscheiden zwischen dem legitimen Schmerz von Isolation und der Schlussfolgerung, dass andere Menschen ihn durch romantische Bindung beheben müssen.

Wenn Isolation das Problem ist, dann sollten wir über Isolation sprechen und wie man sie aufbrechen könnte. Nicht über „zu hohe Ansprüche“. Also nicht über Schuld, sondern über Strukturen. Und genau darüber würde ich gern diskutieren und freue mich über eure Ansichten und eure Fragen.

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Verantwortung in der Kommunikation

„Ich hab das nicht so gemeint“, ist bei der ersten Verwendung tatsächlich etwas wie ein Joker. Dann kann echtes Lernen voneinander stattfinden. Um ihn allerdings tatsächlich gut zu machen, bräuchte es Nebensätze z.B.:

  • „Ich hab das nicht so gemeint, ich werde das in Zukunft versuchen anders zu machen.“
  • „Ich hab das nicht so gemeint, aber das hat mich jetzt tatsächlich mal angestoßen über meine Formulierung nachzudenken.“
  • „Ich hab das nicht so gemeint, aber ich schaffe es nicht das anders zu formulieren. Welchen Kompromiss können wir finden?“

Leider ist es meist ein weniger positiver Gedanke der unausgesprochen mitschwingt: „Stell dich nicht so an und lerne es so zu betrachten wie ich es meine.“. Besonders wenn er noch mal zur selben Formulierung fällt.

Kommunikation ist kein Selbstläufer, sie ist Hochleistungssport für Mutige. Was ich bei jeder Kommunikation als Hauptziel erreichen will, auch wenn das Erreichen sehr schwer ist: Genau das was ich wirklich gemeint habe, soll beim Gegenüber ankommen. Alles andere (Beziehungspflege, Selbstwert usw.) ist erst mal Dekor für mich. Und für dieses Ankommen muss ich mein Gegenüber kennenlernen und wer klar Wut oder Verletzung über meine Worte äußert gibt mir enorm wichtige Informationen. Emotion ist dabei also kein Hindernis, sondern kann Teil der Information oder die ganze Information sein.

Kommunikation - besonders mit Menschen mit denen man länger Kontakt möchte - bedeutet meiner Meinung nach Verantwortung zu übernehmen, lange nicht nur für die eigene Absicht, sondern besonders für die Wirkung. Sie ist alles was der Empfänger bekommt, mehr steht ihm nicht zur Verfügung. Man sollte lernen wollen, sich so auszudrücken, dass beim anderen ankommt, was man tatsächlich meint. Das ist schwer, je weiter die Lebenswelten der Kommunizierenden voneinander entfernt sind, je weniger Überschneidung ihre Blasen haben, desto schwieriger wird eine gelungene Kommunikation. Doch Kommunikation bedeutet für mich nicht vorrangig Talent. Sie ist ein Handwerk, eine Haltung, ein ständiges Training. Wer sie ernst nimmt, nimmt seine Mitmenschen ernst.

Und bitte macht aus dem wunderbaren Lerneffekt, der nach "Ich hab das nicht so gemeint." eigentlich entstehen kann: "So können diese Worte also wirken, ich werd mal drüber nachdenken ob ich das nicht anders sagen kann, denn ich meine ja was anderes." keine Influencer-Entschuldigung alla: "Tut mir leid, das du nicht genug Humor hast um über meinen ach so lustigen Witz zu lachen. Oder: Tut mir leid, dass du meinem ach so klugen Gedanken nicht folgen kannst. Oder: Jetzt hab ich einmal erklärt wie ich diese für dich verletzenden Worte meine, ab jetzt bist du verpflichtet sie RICHTIG zu verstehen (richtig bedeutet so wie ich sie meine)."

Wie steht ihr zu "Ich hab das nicht so gemeint."

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Überall liest und hört man gerade von der „Male Loneliness Epidemic“. Männer seien einsam, abgehängt, ohne Nähe, ohne Beziehung, ohne Sex. Das klingt für mich schräg, denn es gibt in den relevanten Altersgruppen hier etwa gleich viele Frauen wie Männer, aber vielleicht fühlen sich Singlemänner ja einsamer... deshalb der Text:

Jetzt kann ich euch nicht erklären, wie ihr Frauen allgemein begeistert, aber ich will hier darauf eingehen, warum ich persönlich bestimmte Männer begehre und andere nicht. Und wir reden dabei ausdrücklich nicht von den Arschlöchern, nicht von den kompletten Egozentrikern und nicht von denen, die nur Sex suchen. Die sind meist schnell aussortiert und verursachen somit nicht viel Stress. Wir reden heute darüber, warum die „netten Männer“ so oft Single sein könnten.

Bevor man Dating-"Erfolge" analysiert, sollte man sich vielleicht eine ehrlichere Frage stellen: Habe ich überhaupt Lust eine andere Person kennenzulernen? Und ich meine das wörtlich. Nicht jemanden finden, nicht jemanden haben, nicht eine Beziehung führen, sondern einen Menschen tatsächlich kennenlernen. Mit Interesse, mit Neugier, mit der Bereitschaft, sich irritieren zu lassen, enttäuscht zu werden, auch mal nicht zu passen. Wenn nicht ist das nicht verwerflich, dann sollte man sich halt sein Singleleben gemütlich einrichten.

Ich erwähne das zu erst, weil viele dieser „netten Männer“ den Eindruck erwecken, sie gehen ins Dating mit der stillen Annahme, dass im Grunde jede passen würde, solange sie nicht unhöflich, gemein oder ausnutzend ist. Und genau das ist der Punkt, an dem kein Kennenlernen mehr stattfindet. Wer so denkt, will keinen Menschen entdecken, sondern nicht mehr allein sein und das macht mich in diesem Gespräch zu 100% austauschbar. Beim Dating erwarte ich etwas anderes: echtes Interesse an mir als Person. Dass man fragt, zuhört, nachhakt, sich für meine Gedanken, Gefühle, Beweggründe, meine Sicht auf die Welt, meine Hobbys und meine Geschichte interessiert, dass heißt nicht alles teilt oder immer zustimmt, sondern mich als Mensch spannend findet. Das biete ich selbst genauso an. Ich erwarte nur, was ich auch gebe. Was ich nicht erwarte - weder von Männern noch von Frauen - ist Rettung, Therapie, ein Ritter auf weißem Ross oder ein Ratsschlaggeber. Wer mich retten will, ist raus. Beziehung beginnt für mich bei Gleichrangigkeit und Augenhöhe, wer Bedürftigkeit sucht ist raus.

Da es ja beim Dating für romantische Beziehungen auch um Körperlichkeiten geht, werde ich auch dazu was sagen. Wer sich selbst nicht als grundlegend begehrenswert denkt, kann schwer erwarten, dass im Gegenüber Begehren entsteht. Ich erwarte nicht, dass ein Mann sich selbst großartig findet oder sich permanent feiert. Aber ich erwarte, dass er grundsätzlich davon ausgeht, dass er begehrenswert sein könnte. Dass sein Körper wirken darf. Dass sein Charakter, seine Lebensgeschichte, seine Eloquenz für so spannend sein können, dass ich ihn haben will. Ohne dieses innere Ja wird Dating schnell zu Bewerbungsgespräch, Beziehung zu Dankbarkeit und Sex zu etwas, das man sich erarbeiten muss und nichts das aus beidseitiger Lust aufeinander entsteht. Besonders wichtig ist mir aber auch, dass mein Datinggegenüber sich selbst genug wert um eine Wahl zu treffen und nicht den "Spatz in der Hand" zu akzepieren, das beleidigt beide Betreiligten. Spätestens wer behauptet verliebt zu sein, sollte die andere Person als unersetzlich wahrnehmen.

Bevor es zur härtsten Grenze kommt, gibt es für mich weitere klare No-Gos. Sprache gehört dazu. Wie jemand über Frauen spricht, über sich selbst spricht, über (frühere) Beziehungen spricht, über Menschen in der Gesellschaft spricht, ist kein Nebenschauplatz, sondern zeigt Haltung des Gegenübers. Dauerndes Jammern darüber, dass Frauen nur Arschlöcher wollen oder dass man selbst immer übersehen wird, ist mal ok, aber halt mit reflektierten Gedanken dazu. Und dann gibt es noch diesen Satz: „Ich habe das nicht so gemeint.“ Der gilt genau einmal. Einmal kann man sich ungenau ausdrücken, einmal kann man danebenliegen. Ab dem zweiten Mal ist es keine Ungenauigkeit mehr, sondern Verantwortungslosigkeit. Wer etwas wirklich nicht so gemeint hat, und über die negativen Folgen seiner Worte aufgeklärt ist, hat mit nochmaliger Verwendung von "Ich hab das nicht so gemeint", den Zonk gezogen.

Und selbst wenn all das gegeben ist, also echtes Interesse, Augenhöhe, die Fähigkeit, sich selbst als begehrenswert zu denken, reflektierte Sprache... gibt es eine Grenze, an der alles sofort endet. Härter als jede andere. Wenn ich Nein sage, dann ist das Nein absolut. Wenn ich sage, meine Telefonnummer gebe ich noch nicht raus, dann ist das keine Einladung zum Nachverhandeln. Wenn ich sage, ein Treffen ist in den nächsten Wochen nicht drin, dann ist das keine Aufgabe, mich umzustimmen. Wer über solche Grenzen hinweggeht, verliert in diesem Moment jede Möglichkeit auf Nähe. Ich begebe mich nicht allein in einen Raum mit einer Person, die ein Nein relativiert, umspielt oder ignoriert.

Meine Schlussfolgerung: Es geht am Ende nicht darum, wer sich als "nett" definiert, sondern um Ehrlichkeit. Ehrlichkeit darüber, ob man einen Menschen kennenlernen möchte oder eine Rolle besetzen will, ob man momentan überhaupt den Nerv dafür hat sich auf eine Person komplett einzulassen. Und Ehrlichkeit darüber, ob man sich selbst genug wert ist, eine Wahl zu treffen und damit auch den anderen ernst nimmt.

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