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Viele Fragen, wenig Antworten

Wenn wir hier von Einsamkeit sprechen, dann meine ich nicht „keine Partnerperson“ und auch nicht „kein Sex“. Ich meine echte soziale Isolation: wenig reale Begegnung, kaum enge Bindungen, kein stabiles Netz von Menschen, mit denen man regelmäßig spricht, lacht, streitet, sich austauscht. Ein soziales Wesen, das dauerhaft ohne Einbindung lebt, zahlt dafür einen Preis. Es gibt inzwischen genug Hinweise, dass Isolation ein echtes gesundheitliches Problem ist,man kann es nicht mehr als Empfindlichkeit abtun.

Wenn es stimmt und vieles deutet darauf hin, dass Männer häufiger in diese schädliche Form von Isolation geraten, dann sollte man das ernst nehmen. Es ist kein Wettbewerb der Opfer. Und bevor irgendjemand innerlich dichtmacht: Ja, auch Frauen können einsam sein. Ja, auch nicht-binäre Menschen können isoliert sein. Es geht hier nicht vorrangig um Geschlechter, sondern um möglicherweise schädliche Muster. Wenn wir Isolation also als schädlich annehmen, folgt daraus nicht, dass romantische Partnerwahl verpflichtend wird. Eine Beziehung ist kein Sozialamt. Eine Partnerperson ist keine therapeutische Grundversorgung. Sie ist keine gesetzliche Betreuung oder ein betreutes Wohnen.

Vielleicht hilft ein kleiner historischer Blick, nicht als Vorbild, sondern als Kontrast. Es gab immer Menschen, die keine (offizielle) Beziehung hatten. Knechte, Mägde, Besitzlose, Gesellen usw. konnten in vielen Gesellschaften schlicht nicht heiraten, weil sie keinen eigenen Hausstand gründen durften oder konnten. Das war nicht romantisch und sicher nicht gerecht. Aber eines waren sie selten: isoliert. Diese Menschen lebten in Haushalten, Arbeitsgemeinschaften, Verbünden. Hierarchisch, hart, oft unfrei, aber eingebunden. Unverheiratet bedeutete eher selten automatisch allein lebend.

Der Unterschied heute scheint weniger zu sein, dass Menschen keine romantische Beziehung eingehen (können). Der Unterschied ist, dass viele allein leben. Physisch allein leben und mit sehr dünner sozialer Einbindung.

Und wenn Isolation das eigentliche Problem ist, nicht fehlender Sex und nicht fehlende Romantik, dann stellen sich viele Fragen:

Warum diskutieren wir fast ausschließlich über Partnerwahl?

Warum wird aus „mir geht es schlecht“ so schnell „die, die mich nicht wählen sind schuld“?

Warum wird Beziehung zum Reparaturmechanismus erklärt?

Und was sagt das über unsere gesellschaftlichen Strukturen (gerade gegenüber Männern)?

Ich sage das auch aus persönlicher Perspektive, und ich weiß, dass das nicht jeder mögen wird: Auf mich wirkt es abschreckend, wenn ich den Eindruck habe, jemand braucht eine Beziehung, um sein Leben stabil zu halten oder zu bekommen. Nicht, weil mir Einsamkeit egal ist. Sondern weil ich eine Partnerschaft auf Augenhöhe will und kein gesetzliches Betreuungsverhältnis mit Haushaltshilfe und Therapiestunden liefern kann. Wenn ich weiß, dass alles zusammenbricht, wenn ich gehen würde, bin ich faktisch nicht frei zu gehen. Das gilt übrigens unabhängig vom Geschlecht.

Und genau hier beginnt für mich die eigentliche Diskussion:

Wenn Einsamkeit real schadet und wenn romantische Paarbeziehung nicht die Lösung per Verpflichtung sein kann, wie organisieren wir soziale Einbindung?

Wie werden Menschen selbst tragfähig, sodass eine Beziehung Ergänzung ist und nicht Existenzbedingung?

Wo gehen uns Formen von Gemeinschaft verloren?

In der Sozialisation?

In Rollenbildern?

In urbanen Lebensformen?

In der Art, wie wir Freundschaft bewerten?

Ich schreibe das nicht, um jemanden anzugreifen. Wer sich gerade einsam fühlt, hat eine ernsthafte Auseinandersetzung verdient. Aber vielleicht müssen wir unterscheiden zwischen dem legitimen Schmerz von Isolation und der Schlussfolgerung, dass andere Menschen ihn durch romantische Bindung beheben müssen.

Wenn Isolation das Problem ist, dann sollten wir über Isolation sprechen und wie man sie aufbrechen könnte. Nicht über „zu hohe Ansprüche“. Also nicht über Schuld, sondern über Strukturen. Und genau darüber würde ich gern diskutieren und freue mich über eure Ansichten und eure Fragen.

top 7 comments
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[-] D_a_X@feddit.org 3 points 1 month ago* (last edited 1 month ago)

Ich denke, um diese Isolation zu beenden, muss man sich deren bewusst sein. Und anschließend sich genug öffnen, um mit anderen in Interaktion treten zu können. Der Klassiker wären Vereine aber es gibt auch außerhalb von konventionellen Vereinen Möglichkeiten, Menschen zu finden, die dasselbe Hobby, dieselbe Leidenschaft teilen.

Ein Beispiel für ältere Menschen, das ich erlebe, sind Fahrradtouren, wie sie z.B. von diversen ADFC-Verbänden angeboten werden. Das Durchschnittsalter liegt in den Kursen, die ich beobachten konnte, deutlich über 60 und viele Teilnehmer leben alleine. Zusammen ist man weniger alleine. Die finanzielle Hürde ist auch nicht sonderlich hoch. Es muss kein E-Bike sein, sondern nur ein Fahrrad, das alltagstauglich ist.

BTW.: Armut, speziell Altersarmut ist ein starker Isolator. Wenn das eigene Mindset nicht zulässt, dass man sich unter Leute begibt, weil man glaubt, dass Armut ein Stigma darstellt, was einen in den Augen der anderen entwertet.

Vielleicht ist die Herausforderung an die Gesellschaft, mehr dritte Räume zu schaffen, an denen man sich zusammen aufhalten kann, ohne etwas konsumieren zu müssen.

Vielleicht betrachtest du die Antwort auf deinen Beitrag als Themaverfehlung, aber das waren genau die Assoziationen, die bei mir ausgelöst wurden.

[-] Wrufieotnak@feddit.org 2 points 1 month ago

Ja, ich sehe das so wie du. Wir als Gesellschaft müssen wieder mehr Möglichkeiten schaffen, wo Menschen miteinander in Kontakt kommen und zwar ohne Geld ausgeben zu müssen.

Einsamkeit ist definitiv schädlich und gefährlich, auch für die Gesellschaft selbst. Denn wenn wir uns nicht gegenseitig stützen, sind wir auch einfacher ausbeutbar und manipulierbar durch Konzerne und Demagogen. Aber das ist eben auch nichts was in 1 oder 2 Jahren korrigiert werden kann, sondern ein andauernder Prozess über Jahrzehnte.

[-] Jemand_DrachenSchaf@feddit.org 2 points 1 month ago

Ich denke auch, dass dies Zeit braucht, sehr viel.

[-] Jemand_DrachenSchaf@feddit.org 2 points 1 month ago* (last edited 1 month ago)

Ich stimme dir total zu nur warum ich deinen Beitrag als Themaverfehlung betrachten sollte ist mir nicht klar.

Ich würde vielleicht noch hinzufügen, dass besonders männlich gelesene Personen (aber nicht nur) lernen müssen auch außerhalb von Paarbeziehungen über Gefühle reden zu dürfen, das würde die Belastung für Alleinlebende denke ich auch reduzieren.

[-] D_a_X@feddit.org 2 points 1 month ago

Ich stimme dir total zu nur warum ich deinen Beitrag als Themaverfehlung betrachten sollte ist mir nicht klar.

Dein Beitrag ist in vielen Dingen geschlechterspezifisch, was ich komplett ausgeklammert habe.

[-] Jemand_DrachenSchaf@feddit.org 2 points 1 month ago

Ok danke dass du darauf hinweist, er war gar nicht so geschlechterspezifisch gemeint. da muss ich bei der nächsten Version genauer drauf achten.

[-] D_a_X@feddit.org 1 points 1 month ago

Tolles Beispiel, wie sowas funktionieren kann:
Altherrenwanderung in Schweden

this post was submitted on 03 Apr 2026
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