38
submitted 2 months ago* (last edited 2 months ago) by Harald_im_Netz@feddit.org to c/fragfeddit@feddit.org

Hallo,

eine kleine Verzweiflungstat um 2 Uhr morgens, da ich gerade nicht weiß, an wen ich mich wenden soll.

Meine Partnerin steckt tief in einem Burnout. Nachdem in ihrem Team über die letzten Jahre gut drei Viertel der Kolleginnen entlassen, Projekte nicht weniger wurden und Arbeitsprozesse sich durch neue, fachfremde Tätigkeiten (ohne Weiterbildung) drastisch verändert haben, war das nur eine Frage der Zeit. Das Ganze gepaart mit dem Drang es allen recht zu machen und einem hohen Anspruch an die eigene Leistung,

Seit über einem halben Jahr sind Tage mit mehr als 10 Stunden eigentlich Usus — nein, Überstunden werden nicht abgegolten und die trackt sie auch nicht — und nun ist bei ihr das Fass übergelaufen. Ich habe sie noch nie erlebt, dass sie so häufig, so herzzerreißend und intensiv Heulen muss.

Immerhin: Sie hat über die Arbeit ein psychologisches Coachingangebot wahrgenommen. Die Therapeutin redet ihr da gut zu, hat ihr aber auch klar gesagt, dass alles auf einen Burnout hindeutet.

Sie teilt sich mir mit, was gut ist. Ich weiß aber nicht mehr, wie ich damit umgehen soll. Hilfeangebote (Therapieplatzsuche, Unterstützung bei der Kommunikation auf der Arbeit) werden nicht angenommej, gutes Zureden wird relativiert, stilles im-Arm-halten — es zeigt sich keine Änderung.

Ach ja: Auf der Arbeit ist sie die einzige Frau im Team, die Männer schlucken's stoisch und kommunizieren ihre, ebenso bestehende, Belastung nur in Gesprächen unter Kollegen. Sie hat bereits mehrfach mit der Teamleitung gesprochen. Resultat: Die systemischen Probleme der Firma werden zu persönlichen Problemen gemacht. Sie müsse sich einfach besser organisieren, soll jetzt immer Montags ihre Woche vorplanen und Freitags einen Wochenbereicht verfassen — mehr Arbeit, statt weniger.

Das erklärte Ziel sind 80 % Auslastung, das gesamte Team schiebt seit mehreren Stunden ohne Probleme 120 %.

Ich merke, dass ich an den Punkt komme, an dem ich das nicht mehr mit ansehen kann. Sie so weinen zu sehen und ihre eigenen Interessen zu vernachlässigen, schmerzt mich ungemein. Ich weiß nicht, was ich tun kann. Vielleicht hat jemand Erfahrungen gemacht. Nette Worte willkommen. Danke fürs lesen. Bleibt lieb zu euch.

Edit: Danke euch allen, für den Zuspruch und die Anregungen.

top 12 comments
sorted by: hot top new old
[-] ZonenRanslite@feddit.org 18 points 2 months ago* (last edited 2 months ago)

Ich bin kein Therapeut und dies ist nur meine Einschätzung.

Burnout ist nur eine Beschönigung für Depressionen.

Wenn die Ursache bei der Arbeit liegt, soll sich deine Partnerin krank schreiben lassen. Solange sie im Strudel der Arbeit ist, wird sie keine Energie haben, sich damit auseinander zu setzen.

Ich weiß, dass sowas nicht leicht ist, aber die Arbeit läuft auch ohne einen weiter und die Gesundheit bekommt man nicht zurück.

Wenn sie erstmal eine richtige Depressionen entwickelt hat, wird sie für eine längere Zeit ausfallen, mit Begleiterscheinungen die Depressionen halt so mit bringen. Lieber von sich aus die Reißleine ziehen, bevor es zu spät ist.

Wichtig ist weiter das therapeutische Angebot wahrzunehmen und sich zusätzlich einen Psychiater zu suchen. Einen Psychiater zu finden wird schwer, aber bleibt da bitte dran.

Dir persönlich kann ich nur empfehlen, belies dich, wie man als Angehöriger damit umgehen sollte. Es gibt kein Patentrezept, aber Tipps und Ratschläge, die dir helfen werden.

Gruß und viel Energie

[-] kohlenstoff@feddit.org 12 points 2 months ago

Wenn die Ursache bei der Arbeit liegt, soll sich deine Partnerin krank schreiben lassen. Solange sie im Strudel der Arbeit ist, wird sie keine Energie haben, sich damit auseinander zu setzen.

Unbedingt machen. Hausärzt*innen sind mittlerweile sehr schnell damit, bei solchen Symptomen länger krank zu schreiben.

Und nicht vergessen, insbesondere, weil sich das ziehen kann: In der ganzen Situation auch auf sich selbst achten, sonst ist niemandem geholfen. Gönn dir Auszeiten, mach regelmäßig Sport und triff Freund*innen, mit du dich darüber unterhalten kannst.

Viel Kraft!

[-] helix@feddit.org 5 points 2 months ago

Burnout ist nur eine Beschönigung für Depressionen.

Nein, eine Sonderform der Depression, ausgelöst durch Überlastung. Im Gegensatz zu anderen Formen der Depression kann man da gegensteuern und Belastung reduzieren. Mit Glück reduziert sich auch die Depression.

"Normale" Depressionen sind oft schwerer zu behandeln, langwieriger und allgemein komplexer. Burnout ist einfach ein cooles Wort für Depressionen mit der Ursache Kapitalismus.

Die Übergänge sind fließend. Wer eine rezidivierende Depression hat ist anfälliger für Burnout, wer Burnout hat und lange nichts dagegen tut kann den Spaß auch chronifizieren, d.h. die Depression geht nach dem Abbau der Belastung nicht mehr weg.

Schön ist an Burnout nichts. Vielleicht ist es sozial anerkannter weil es einen konkreten Grund gibt und "faule" Leute keinen Burnout bekommen. Das liegt aber eher daran, dass die meisten Leute denken, Depressionen sind selbst verursacht und die Leute sollen doch einfach mal mehr lachen oder sowas.

[-] squirrel@discuss.tchncs.de 8 points 2 months ago

Ich hatte selbst mal "Burnout" (wurde allerdings Erschöpfungs- bzw. Überforderungs-Depression genannt). Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, das schwierigste ist, sich selbst einzugestehen dass man nicht mehr kann und rechtzeitig aus dem ungesunden Job rauszukommen. Ich weiß nicht wie, aber vielleicht kannst du ihr das Gefühl vermitteln, dass eine sofortige Krankschreibung kein Aufgeben bedeutet, sondern ein wichtiger Schritt in Richtung Selbstfürsorge und Heilung. Für dieses "Aufgeben" muss man aber seinen eigenen Stolz es doch noch irgendwie schaffen zu können überwinden, das braucht Zeit.

Such mal nach "Sozialpsychiatrischer Dienst" in deiner Nähe. Die kann man einfach anrufen oder einen Termin vor Ort machen. Die haben Ahnung von Hilfsangeboten in der Umgebung und können besonders bei psychischen Problemen im Zusammenhang mit Arbeit ein bisschen weiterhelfen. Auch als Angehöriger kannst du dort anrufen und einfach mal deine Situation schildern. Vielleicht können die helfen.

[-] helix@feddit.org 7 points 2 months ago

Du musst es vielleicht irgendwann mit ansehen, wie sie zusammenbricht und sich krank schreiben lässt. Bereite dich darauf vor.

Es gibt sehr viele Stadien des Burnout. Sie ist noch nicht ganz am Ende angekommen. Wenn sie jetzt die Reißleine zieht, wird es weniger schlimm ausgehen.

https://wiki.tilde.fun/de/guide/burnout

Wenn sie noch auf dich hört: sag ihr, dass du dir Sorgen machst und dass sie sich komplett zerstört, wenn sie so weiter macht. Sag ihr, dass du darunter leidest. Am Ende ist es leider ihre Entscheidung, wie sie damit umgeht.

Wenn sie Tipps will, wie sie damit umgehen soll: Nein sagen. Leute absichtlich enttäuschen. Nach 8h den Stift fallen lassen. Kann ja wohl nicht wahr sein, dass ihr Arbeitgeber hier nicht seiner Fürsorgepflicht nachkommt. Sie kann es selbst tun. Was wollen die machen, sie rauswerfen? Ich glaube das wäre fast das Beste, was ihr passieren könnte...

Ich wünsche euch beiden das Beste.

[-] plyth@feddit.org 5 points 2 months ago

soll jetzt immer Montags ihre Woche vorplanen und Freitags einen Wochenbereicht verfassen — mehr Arbeit, statt weniger.

Nur wenn sie alles weiterhin erledigen will. Es geht gerade darum, Arbeit abzugeben.

Wenn es wiederkehrende Aufgaben sind, wird sie wissen, was machbar ist. Dabei werden auch 2h oder mehr für Planung und Report eingeplant. Alles was zu viel ist, muss der Chef anders delegieren.

Er wird es erstmal den Kollegen geben. Das fühlt sich unsozial an, aber ist unvermeidbar, wenn die Kollegen es stoisch ertragen.

Das eigentliche Problem ist das Management, das nicht die notwendigen Resourcen bereitstellt. Anscheinend muss der Mehrbedarf klar dokumentiert werden.

Sinnvoll ist trotzdem, den Arbeitsplatz zu wechseln, denn ein so rücksichtsloses Management wird für weitere Probleme sorgen. Das zu ändern wäre sehr aufwändig.

[-] kossa@feddit.org 3 points 2 months ago

Ich weiß nicht, in welcher Lebensphase ihr euch befindet und ob das realistisch ist, aber hier mal ein unorthodoxer Ansatz: wenn die Selbsterkenntnis fehlt, dann wird es schwierig (bis unmöglich) für sie, etwas an der Situation zu ändern.

Aber vielleicht kannst du eine Änderung der Lebensumstände einbringen, die bei ihr zu einem neuen Job führen. Also so was wie in eine andere Stadt ziehen, in eine andere Wohnung/Haus ziehen, crazy Sabbatical o.ä.

Dann wäre der Jobwechsel kein von ihr wahrgenommenes "persönliches Versagen".

[-] pantherina@feddit.org 2 points 2 months ago

Ich glaub nicht, dass mehr Arbeit (Therapie) da hilft. Das Problem ist Überlastung durch externen Stress, der geht ganz leicht weg, wenn die Arbeit es ändert.

Sie muss sich mit den Kollegen zusammentun und gemeinsam dagegen vorgehen. Evtl kannst du sie dazu auch anrufen.

Sonst wenn sie kündigt oder Urlaub nimmt oder so wird das als persönliches Problem weitergeleugnet.

Man kann wegen Burnout auch krankgeschrieben werden, das wäre eine Alternative.

[-] RoflmasterBigPimp@feddit.org 2 points 2 months ago

Meine Verlobte hatte ähnliches durchgemacht im Krankenhaus. :(

Das war ne echte harte Zeit jemanden den man überalles auf der Welt liebt so sehr leiden zu sehen, hat mich fast zerrissen.

Vor allem wenn die Person dann auch noch so oft Hilfe ablehnt. Ich hab sie immer wieder aufgegangen so gut es ging (Pass bitte auch auf dich auf, ich weiß wie kräftezehrend so etwas sein kann!) und sie dann Stück für Stück überzeugt das es so nicht weitergehen kann.

Jeder Mensch reagiert auf unterschiedliche Argumente. Meine Verlobte konnte ich irgendwann durch, naja, "empirische Daten", also wirklich die Anzahl der Zusammenbrüche, dazu bringen sich an einen Arzt zu wenden.

Wichtig war aber wirklich das sie selbst gesehen hat wie die Lage eigentlich aussieht.

[-] Kissaki@feddit.org 1 points 2 months ago* (last edited 2 months ago)

Ich nehme an ihr ist das alles bewusst? Würde sie gerne normal arbeiten und schafft es nicht nach geleisteten Arbeitsstunden zu gehen? Dann macht das weiter versuchen keinen Sinn.

Ich würde Bestärken dass ich das beste für sie möchte, sie in jedem Fall unterstützen möchte, sie mir wichtig ist und dann auf die eigene Wahrnehmung der Situation eingehen, und wie das auch für dich wirkt, dass du Angst um sie hast, siehst dass sie fortwährend leidet, und dich das auch sehr mitnimmt. Dass du etwas ändern oder zumindest klären möchtest.

Ich kenne eure Persönlichkeiten nicht, und eure Beziehung zueinander. Es kann mehr Sinn machen zu sagen: Genug ist genug, wir gehen jetzt zusammen zum Arzt in die Sprechstunde und beschreiben die Situation, oder dies Vorzuschlagen und entsprechend zu untermauern wie wichtig das einem selbst ist, weil es auch dich zunehmen betroffen macht.

Am Ende muss sie es hinbekommen nicht mehr als vertraglich vereinbart zu arbeiten. Wenn sie dies dort nicht schafft, dann kommt nur ein Wechsel in Frage. In jedem Fall würde eine Krankschreibung und ggf Therapie etwas Luft, Raum und Zeit, und Klarheit schaffen.

Selbst wenn es bei der Arbeitszeit ohne Überstunden bleiben würde wären die anderen Belastungen natürlich trotzdem noch da.

In jedem Fall, unterstütze sie weiter, sei für sie da, aber mach ihr auch klar dass sie bereits über ihren eigenen Grenzen ist, und die Situation auch deine Grenzen an (fortlaufend) ertragbarem und akzeptierbarem überschreitet. Geh mit ihr zusammen zum Arzt in die Sprechstunde. Bei einem anständigen Hausarzt wird der wahrscheinlich krankschreiben, ggf auf Psychologen oder Psychotherapie verweisen, und ggf eine Reha empfehlen.

Ich war auch schon mal im Burnout. Eigentlich bin ich es auch wieder. 🙃

[-] Peluri96@feddit.org 1 points 2 months ago

Ich glaub ich stimme zu was viele andere hier auch sagen. Deine partnerin muss selbst einsehen das sie was tun muss, sei es arbeit die zu viel ist delegieren, psychatrische hilfe suchen und wenn das nicht klappt, kündigen. Dazu muss sie erstmal einsehen das es einen burnout hat/bekommt. Du als partner kannst da nur für sie da sein, sie bitten darüber zu reflektieren. Das verlangt jetzt viel geduld von dir, viel zuhören und starke nerven.

Passt auf euch auf

[-] borisentiu@feddit.org 1 points 2 months ago

Ich wünsche euch viel Kraft für euch selbst!

this post was submitted on 29 Nov 2025
38 points (100.0% liked)

Frag Feddit

628 readers
2 users here now

founded 2 years ago
MODERATORS