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submitted 2 months ago* (last edited 2 months ago) by Harald_im_Netz@feddit.org to c/fragfeddit@feddit.org

Hallo,

eine kleine Verzweiflungstat um 2 Uhr morgens, da ich gerade nicht weiß, an wen ich mich wenden soll.

Meine Partnerin steckt tief in einem Burnout. Nachdem in ihrem Team über die letzten Jahre gut drei Viertel der Kolleginnen entlassen, Projekte nicht weniger wurden und Arbeitsprozesse sich durch neue, fachfremde Tätigkeiten (ohne Weiterbildung) drastisch verändert haben, war das nur eine Frage der Zeit. Das Ganze gepaart mit dem Drang es allen recht zu machen und einem hohen Anspruch an die eigene Leistung,

Seit über einem halben Jahr sind Tage mit mehr als 10 Stunden eigentlich Usus — nein, Überstunden werden nicht abgegolten und die trackt sie auch nicht — und nun ist bei ihr das Fass übergelaufen. Ich habe sie noch nie erlebt, dass sie so häufig, so herzzerreißend und intensiv Heulen muss.

Immerhin: Sie hat über die Arbeit ein psychologisches Coachingangebot wahrgenommen. Die Therapeutin redet ihr da gut zu, hat ihr aber auch klar gesagt, dass alles auf einen Burnout hindeutet.

Sie teilt sich mir mit, was gut ist. Ich weiß aber nicht mehr, wie ich damit umgehen soll. Hilfeangebote (Therapieplatzsuche, Unterstützung bei der Kommunikation auf der Arbeit) werden nicht angenommej, gutes Zureden wird relativiert, stilles im-Arm-halten — es zeigt sich keine Änderung.

Ach ja: Auf der Arbeit ist sie die einzige Frau im Team, die Männer schlucken's stoisch und kommunizieren ihre, ebenso bestehende, Belastung nur in Gesprächen unter Kollegen. Sie hat bereits mehrfach mit der Teamleitung gesprochen. Resultat: Die systemischen Probleme der Firma werden zu persönlichen Problemen gemacht. Sie müsse sich einfach besser organisieren, soll jetzt immer Montags ihre Woche vorplanen und Freitags einen Wochenbereicht verfassen — mehr Arbeit, statt weniger.

Das erklärte Ziel sind 80 % Auslastung, das gesamte Team schiebt seit mehreren Stunden ohne Probleme 120 %.

Ich merke, dass ich an den Punkt komme, an dem ich das nicht mehr mit ansehen kann. Sie so weinen zu sehen und ihre eigenen Interessen zu vernachlässigen, schmerzt mich ungemein. Ich weiß nicht, was ich tun kann. Vielleicht hat jemand Erfahrungen gemacht. Nette Worte willkommen. Danke fürs lesen. Bleibt lieb zu euch.

Edit: Danke euch allen, für den Zuspruch und die Anregungen.

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[-] plyth@feddit.org 5 points 2 months ago

soll jetzt immer Montags ihre Woche vorplanen und Freitags einen Wochenbereicht verfassen — mehr Arbeit, statt weniger.

Nur wenn sie alles weiterhin erledigen will. Es geht gerade darum, Arbeit abzugeben.

Wenn es wiederkehrende Aufgaben sind, wird sie wissen, was machbar ist. Dabei werden auch 2h oder mehr für Planung und Report eingeplant. Alles was zu viel ist, muss der Chef anders delegieren.

Er wird es erstmal den Kollegen geben. Das fühlt sich unsozial an, aber ist unvermeidbar, wenn die Kollegen es stoisch ertragen.

Das eigentliche Problem ist das Management, das nicht die notwendigen Resourcen bereitstellt. Anscheinend muss der Mehrbedarf klar dokumentiert werden.

Sinnvoll ist trotzdem, den Arbeitsplatz zu wechseln, denn ein so rücksichtsloses Management wird für weitere Probleme sorgen. Das zu ändern wäre sehr aufwändig.

this post was submitted on 29 Nov 2025
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Frag Feddit

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