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Date-Nights können Beziehungen retten.
Von Carsten Müller
Eltern mit Kleinkindern haben wenig Zeit für Intimität. Wer das ändern will, sollte für gemeinsame Auszeiten sorgen, sagt der Sexual- und Paartherapeut Carsten Müller. Eine Kolumne.
Ein Paar sitzt an einem Tisch in einem stimmungsvoll beleuchteten Raum. Sie küssen sich und halten ein rotes Herz aus Papier. Auf dem Tisch stehen zwei Gläser mit Sekt und ein Smartphone. Im Hintergrund sind Lichterketten und Kerzen zu sehen, die eine romantische Atmosphäre schaffen.
»Unsere Kinder sind drei und fünf Jahre alt. Es sind zwei absolute Wunschkinder, aber seit sie da sind, ist die Intimität in unserer Beziehung verloren gegangen. Ich vermisse die Nähe zu meinem Mann und frage mich oft, wo wir eigentlich noch Raum für uns haben. Abends bringen wir die Kinder ins Bett und organisieren den Haushalt. Wenn wir im Bett liegen, möchte ich eigentlich gern mit ihm kuscheln. Er wünscht sich das auch. Aber in den meisten Nächten kommt ein Kind zu uns ins Bett, weil es nicht schlafen kann oder schlecht geträumt hat. Wie lange müssen wir noch warten, bis wir endlich wieder Zeit für uns haben?« (Liam*, 34, und Tobias*, 33)
Was Liam und Tobias erzählen, kennen fast alle Paare mit kleinen Kindern. Die Intimität, die Nähe schwindet. Dafür gibt es viele Gründe: Kleine Kinder brauchen Nähe, beanspruchen Aufmerksamkeit. Und sie haben überhaupt kein Verständnis dafür, dass ihre Eltern gern auch einmal Zeit nur füreinander hätten. Ihr Gehirn ist einfach noch nicht so weit. Das ist normal. Aber es ist verdammt herausfordernd.
Ich sag’s direkt: Abwarten ist keine Option. Gerade mit kleinen Kindern gibt es nur eine Möglichkeit: selbst dafür sorgen, dass genug Zeit für intime Momente bleibt. Alle Paare mit kleinen Kindern, die ich berate und denen es gelingt, ihre Beziehung lebendig zu halten, machen eine Sache richtig: Sie schaffen aktiv und bewusst Raum für Berührungen und Begegnungen. Sie warten nicht darauf, dass dieser Raum von selbst entsteht. Sie nehmen ihn sich.
Eine britische Langzeitstudie mit mehr als 6400 Paaren hat untersucht, wie es denen ergeht, die Zeit für sogenannte Date-Nights einplanen. Die Ergebnisse: Paare, die regelmäßig ohne Kinder ausgehen, hatten eine um vier bis sechs Prozent höhere Wahrscheinlichkeit, zusammenzubleiben. Sie waren deutlich zufriedener mit ihrem Leben und glücklicher in ihrer Beziehung – und zwar auch noch Jahre später, als die Kinder längst größer waren. Solche gemeinsamen Auszeiten sind besonders wertvoll, wenn die Kinder zwischen drei und fünf Jahre alt sind. Also genau in der Phase, in der Liam und Tobias gerade stecken. In der Phase, in der viele Paare hoffen: Das wird von selbst wieder besser, wenn die Kinder älter sind.
Als Liam und Tobias in die Praxis kamen, habe ich sie gebeten, mir einen »normalen« Tag zu beschreiben. Was dabei deutlich wurde: Sie hatten ihren Alltag komplett um die Kinder herum organisiert. Von morgens bis abends. Kein einziger Moment war für sie als Paar vorgesehen.
Die gemeinsame Zeit am Morgen in der Küche? Diente dazu, den Tag zu organisieren. Der Kuss zum Abschied? Vergessen, weil die Tochter nach Kakao schrie. Die Zeit am Abend, wenn die Kinder im Bett waren? Wäsche bügeln und aufräumen. Und die Nächte? Sie hatten ein Babyfon, schalteten es aber aus, weil sie meinten, dass es die Romantik tötet. Nur ging die Rechnung nicht auf. Weil das Babyfon ausgeschaltet war, horchten sie immer mit einem Ohr nach den Kindern. So entsteht keine Lust.
Eltern dürfen ihren Kindern beibringen, dass sie manchmal warten müssen.
Aber das muss nicht so bleiben. Für Tobias und Liam bedeutet das: Das Babyfon bleibt an. Das ist nicht romantisch, aber pragmatisch. Sie hören, wenn ein Kind aufwacht, und können rechtzeitig reagieren. Das entspannt mehr, als es stört.
Außerdem dürfen Eltern ihren Kindern beibringen, dass sie manchmal warten müssen – sofern es um Wünsche geht, die warten können, nicht um echte Nöte wie Angst oder Schmerzen. »Du möchtest Kakao? Ich habe dich gehört. Aber erst gebe ich Papa einen Kuss. Das dauert fünf Sekunden, danach mache ich dir den Kakao.«
Wer Intimität erleben möchte, sollte sich bewusst dafür entscheiden. Bei Liam und Tobias gab es im Lauf des Tages durchaus ein paar kinderfreie Minuten. Aber sie nutzten jede Gelegenheit, um den Alltag zu organisieren. Praktisch – aber eine verpasste Gelegenheit. Was wäre, wenn sie diese Minuten für sich als Paar reservieren würden, für ein paar Momente körperliche Nähe? Vielleicht wäre dann nicht alles perfekt organisiert. Aber der Beziehung würde es besser gehen.
Ebenso empfehle ich, feste Dates zu planen, egal ob tagsüber oder abends. Aber mindestens einmal im Monat sollte es schon sein: einen Babysitter organisieren und das Haus verlassen – oder der Babysitter geht mit den Kindern auf den Spielplatz, damit die Eltern daheim Zeit füreinander haben. Reden, Kuscheln, Sex – egal was passiert: In diesen Stunden geht es nur um Zweisamkeit.
Als Liam und Tobias zum zweiten Termin kamen, erzählten sie mir von ersten Veränderungen. Dass sie sich morgens in der Küche umarmten, anstatt sofort die Spülmaschine auszuräumen. Dass auch das Babyfon oft anblieb. Und dass sie dabei seien, einen Babysitter zu suchen. Sie hatten entschieden: Wir nehmen uns auch Zeit für uns.
- Namen geändert.
Jetzt sind Sie dran!
Betrachten Sie Ihren eigenen Alltag: »Wo könnten wir täglich fünf Minuten für uns reservieren? Was würde passieren, wenn wir diese fünf Minuten miteinander anstatt mit dem Handy, mit Haushalt oder Organisation verbringen?« Probieren Sie es eine Woche aus und schauen Sie, was sich verändert.