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Mit 60 geht’s bergab. Das wollen die meisten nicht wahrhaben« Jörg Burger 17 - 21 Minuten

Herr Dr. Böker, beim Orthopäden wird vielen das eigene Altern zum ersten Mal schmerzhaft bewusst. Ist dieser Moment für Ihre Patienten ein Schock?

Ja, jemand, der zum Beispiel gerne läuft, sieht dann das Röntgenbild von seinem Vorfuß und sagt: Ogottogottogott! Vor allem Männer sind da schockiert.

Was sieht man an dem Fuß?

Der Patient sieht, dass der Gelenkspalt vermindert ist, also der Raum zwischen den Knochen eines Gelenks. Mit Anfang 50 geht das los. Bei Spitzensportlern noch viel früher. Ich war mal bei einer sportmedizinischen Veranstaltung, da wurden die Röntgenbilder eines ehemaligen Nationaltorwarts gezeigt, der war da 40. Ich dachte, das wäre das Röntgenbild von einem 80-Jährigen. Mehrfach frakturiert. Total verschlissen. Das ist das, was uns allen irgendwann bevorsteht.

Wer sind Ihre Patienten?

Hauptsächlich sind es Frauen. Etwa die Hälfte meiner Patienten ist im Ruhestand, und im Alter gibt es natürlich mehr Frauen. Männer gehen auch nicht so häufig zum Arzt. Viele kommen und sagen: Ich humpel schon ewig, aber jetzt hat mich meine Frau geschickt. Dr. Wolfgang Böker

63, ist Facharzt für Orthopädie, Unfallchirurgie und Rheumatologie in einer Gemeinschaftspraxis in Lüneburg. Außerdem ist er in einer Klinik für Knie- und Hüftprothetik tätig. Böker ist Vorsitzender des niedersächsischen Berufsverbands für Orthopädie und Unfallchirurgie. Sein Lieblingssport ist Golf.

Wann geht das Altern aus Ihrer Sicht los?

Mit Mitte, Ende 40, da zeigen sich die ersten arthrotischen Veränderungen – Abnutzungserscheinungen an den Gelenken. Der Knorpel am Gelenk ist ja nicht dafür gemacht, dass wir 80 werden. Der wird weniger, wird spröde, auch etwas rissig, platzt gerne mal auf. Die Veränderungen sind nicht immer gleich gravierend. Ich vergleiche das immer mit einem Autoreifen, der abfährt. Man kann weiterfahren, wenn ein Millimeter runter ist, vielleicht fährt man dann bei Regen etwas langsamer. Aber irgendwann ist er ganz runter, und da muss man was tun. Bis dahin wollen wir den Patienten gut begleiten, wir setzen ja nicht gleich ein künstliches Gelenk ein.

Wir würden hier gern mal die Probleme aller Altersgruppen durchgehen. Über die 30-Jährigen müssen wir uns noch nicht unterhalten?

Doch, in dem Alter kommen die ersten Marathonläufer zu mir, die sagen: Zwischen Kilometer 30 und 35, da hatte ich so ein Ziehen im rechten Oberschenkel, was kann ich tun, Herr Doktor? Das klingt harmlos, aber solche Patienten haben oft sehr hohe Ansprüche – und ein Problem, das manchmal eher mit der Psyche als mit dem Muskel zu tun hat. Ich frage dann: Gibt’s vielleicht auch sonst ein Thema? Denn sonst geht die Diagnostikspirale los, Röntgen, MRT, ohne Befund. Manchmal reicht ein Satz: Das ist halb so wild, machen Sie mal ein paar Übungen mit dem Theraband. Und der Patient geht zufrieden wieder raus.

Sehen Sie heute mehr solcher jüngeren Patienten als vor 20 Jahren?

Auf alle Fälle. Das gilt aber für alle Altersgruppen: Man geht heute öfter zum Orthopäden. Die Ich-Bezogenheit ist deutlich gewachsen.

Es kommen also mehr Patienten mit Lappalien?

Ja. Ich will niemandem zu nahe treten, aber gewisse Berufsgruppen – etwa Mitarbeiter in Gesundheitsberufen – haben heute deutlich mehr Fehlzeiten als früher. Sie sind nicht kränker, aber ihr Empfinden hat sich verändert.

Mit welchen Problemen kommen Patienten ab 40?

Typisch ist, dass vor allem Männer sich beklagen: Früher bin ich die 100 Meter in 15 Sekunden gelaufen! Oder: Früher hab ich drei Stunden Tennis gespielt, und die Schulter tat nicht weh. Früher hab ich nach 90 Minuten Fußball nichts gespürt, jetzt schmerzt die Schulter, die Hüfte, das Knie. Denen sage ich: Ja, das war früher! Nicht, dass ich das nicht ernst nehmen würde. Da kann ja ein Sehnenriss dahinterstecken oder eine Einblutung, das muss man schon abklären.

Sind Frauen hier anders?

Ja, praktisch nur Männer empfinden den Verlust ihrer Leistungsfähigkeit oft als Kränkung. Viele sportlich aktive Babyboomer, die jetzt zunehmend zu uns kommen, wollen sich mit 60 noch mit ihren Söhnen auf dem Rad messen. Oder beim Schwimmen in der Ostsee. Die Frauen sagen eher, nee, da schwimm ich nicht mehr mit. Die Männer: Ach, das geht noch, da komm ich doch noch hinterher!

Sind Männer für Sie die schwierigere Klientel?

Objektiv sind die Frauen zu 99 Prozent von denselben Alterserscheinungen betroffen. Aber subjektiv empfinden Männer den Verlust ihrer Leistungsfähigkeit als problematischer. Was aber gar nicht so schlecht ist, deshalb kann man sie ja auch wieder zu Bewegung motivieren. Ich hoffe, dass die nachfolgenden Generationen genauso gekränkt sein werden, irgendwo muss man sie mal packen. Die sollen ja was tun.

Wie geht es Ihren Patienten in den Fünfzigern?

Sie werden verletzungsanfällig, wenn sie weiter Sport treiben. Wir finden auch häufig ein Impingement, eine sogenannte Schulterenge. Der Platz unter dem Schulterdach wird zu eng, Sehnen werden eingeklemmt, der Arm schmerzt beim Heben. Das ist mit 50 keine Seltenheit, auch bei Nichtsportlern. Die Muskulatur lässt nach, das Schulterdach kippt nach vorn. Das ist altersbedingt. Aber da hilft Krankengymnastik.

Das sind sicher nicht die einzigen Probleme ab 50?

Die Klassiker bei mir in der Praxis sind die Schulter, die Ellenbogen, etwa der Tennisellbogen, Knie und Sprunggelenke. Und die Wirbelsäule, der größte Knackpunkt.

Haben Männer womöglich an Problemen mit den Knochen schwerer zu leiden als Frauen, weil sie mehr körperlich hart arbeiten?

Ja. Frauen, die Kinder zur Welt gebracht haben, sind allerdings belastet durch die Geburten, und ihr Bindegewebe ist weicher, was ein Nachteil ist. Die Hände zum Beispiel sind bei Frauen dehnbarer, das fördert im Alter die Arthrose. Die Füße sind sogar noch mehr betroffen. Ältere Frauen haben häufig einen Spreizfuß oder Hallux valgus, eine Fehlstellung des großen Zehs, die kann man aber operativ korrigieren. Männer sind steifer, die bemerken Bewegungseinschränkungen gar nicht so.

Altern Männer also besser, weil sie stärkeres Bindegewebe und mehr Muskeln haben?

Äußerlich ist das häufig schon so. Das sieht man an einem Männerbein mit 70, da ist viel mehr Muskulatur als bei einer Frau.

Selbst wenn eine Frau viel Sport treibt?

Ja. Die Muskelmasse ist entscheidend für die Stabilität. Männer sind in der Regel ja physisch leistungsfähiger, und das ist auch im Alter noch so, ganz objektiv. Auch der Knochen ist bei Männern deutlich besser.

Warum ist ein Knie mit 50 lädiert?

In der Regel läuft ein Kniegelenk nicht gleichmäßig, in acht von zehn Fällen verschleißt es innen mehr als außen. Irgendwann hat man da Schmerzen. Hinzu kommt, dass der Meniskus, also die Scheibe, die dazwischenliegt, sich auch verändert. Es gibt kaum jemanden über 50, der noch einen gesunden Meniskus hat. Das heißt nicht, dass der behandelt werden muss. Der Patient kommt wegen Schmerzen, beim Sport, beim Treppensteigen, viele haben auch Schmerzen bei der Arbeit, meine Patienten sind ja nicht alle Schreibtischtäter. Ganz schlecht ist der typische Hallenboden der Bandarbeiter. Deshalb frage ich neue Patienten zuerst: Was machen Sie beruflich? Wenn einer Probleme mit der Schulter hat, dann frage ich ihn: Wird die wirklich gebraucht? Bei einem Dachdecker kann man schon mal eine Spritze setzen. Ein Schmerzmittel mit einer geringen Menge Cortison, um die Entzündung wegzukriegen. Im Anfangsstadium kann man da gut helfen.

Kommen also mit über 50 vor allem Sportler und Handwerker zu Ihnen?

Interessanterweise nicht. Sondern Angestellte mit sitzender Tätigkeit. Es ist erstaunlich, dass der Verwaltungsangestellte mehr Krankheitstage hat als körperlich arbeitende Personen, da gibt es Statistiken.

Schreibtischarbeiter klagen gern, das Sitzen sei ja so schädlich.

Ist es aber nicht, wenn man Sport macht.

Wie geht es mit 60 weiter?

Mit 60 kommt wirklich ein Break. Mit 60 geht's bergab. Das wollen die meisten nicht wahrhaben. Mir ging es genauso, ich bin jetzt 63. Da nehmen die arthrotischen Veränderungen noch mehr zu. Der Muskel baut deutlich ab, der Knochen wird weniger. Osteoporose wird ja immer als Frauenkrankheit gesehen, aber die gibt es auch beim Mann. Dagegen kann man medikamentös allerdings einiges tun.

Was sagen Sie den 60-Jährigen?

Die Bewegung anpassen. Kein hartes Work-out mehr, sondern Ausdauersport: Radfahren, Schwimmen, Nordic Walking. Krafttraining mit Augenmaß. Aber kein Hochleistungssport mehr. Rudern ist auch gut.

Wie geht's mit 70 weiter?

Das ist der nächste Break. Nun kommen häufig auch neurologische Probleme dazu. Auch die Nerven lassen nach. Das Sehen, die Informationsverarbeitung im Gehirn, die Reaktionsfähigkeit. Es gibt Oberarmbrüche, Unterarmbrüche oder die klassische Schenkelhalsfraktur.

Oje. Man mag gar nicht nach 80 fragen.

Bei 80-Jährigen geht es nur noch darum, das Bewegungsniveau und die Muskeln zu erhalten und Stürze zu vermeiden.

Welche Altersgruppe kommt schwerer zurecht mit der Wahrheit: der 50-Jährige, dem Sie sagen, Sie haben Arthrose im Knie. Oder der 70-Jährige, dem Sie verkünden, das Knie muss raus?

Jüngere sind erschrockener, ganz egal, was ich denen sage. Wenn ich Älteren sage, oh, das sieht aber schlecht aus, da müssen wir schon mal eine Knieprothese machen, dann höre ich oft: Das habe ich mir schon gedacht.

Es soll auch Leute geben, die sich beschweren: Aber ich habe mich doch immer gesund ernährt und Sport getrieben, jede Woche Yoga gemacht!

Das ist sehr häufig. Ich hab doch alles richtig gemacht! Meine erste Frage ist dann, ist da in der Familie was bekannt? Die genetische Komponente ist ja die größte beim Altern. Wenn die Genetik nicht passt, können wir wenig machen.

Heißt das, an meinen Eltern sehe ich, wie es mir im Alter einmal gehen wird?

Ja. Wenn Ihr Vater mit 70 eine künstliche Hüfte bekommen hat, ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass Sie dann auch eine brauchen werden.

Ein Orthopäde hat mir mal gesagt, der eine hat eben Bandscheiben für 2,50 Euro, der andere für 5 Euro. Klang ziemlich fatalistisch.

Das ist tatsächlich so. Das ist wie mit den Haaren auf dem Kopf. Deswegen kann Ihre Nachbarin mit 80 noch Tennis spielen, und Sie sind mit 60 schon gehandicapt. Aber ich biete dem Patienten immer was an.

Was meinen Sie damit?

Wenn der 30-jährige Sportler zu mir kommt, der Probleme mit dem Knie hat und sagt: Ich habe am Samstag einen ganz wichtigen Wettkampf. Dann würde ich dem vielleicht höher dosiert Cortison spritzen, als es bei einem älteren Menschen sinnvoll wäre. Weil sein Herzblut an dem Wettkampf hängt. Kommt einer mit 70 und fragt nach der Spritze, dann sage ich, das ist nicht das Richtige für Sie, das bringt langfristig nichts. Der kriegt Bewegungstherapie. Kräftigung. Zur Operation kommt der dann von ganz alleine wieder, wenn es gar nicht mehr geht. Man darf aber nicht zu früh operieren.

Warum?

Die Knie- und Hüftprothesen halten nicht ewig. So ein Knie hält 20 bis 25 Jahre. Man muss daher das subjektive Empfinden des Patienten richtig einschätzen. Beim Maurer oder beim Landwirt ist das einfach, denen muss man helfen. Beim Sportler ist das schwieriger. Soll ich wirklich eine Spritze setzen, nur weil ein 50-Jähriger weiter Tennis spielen möchte? Es muss noch mehr Gründe geben.

Es gibt keinen Weg, den Knorpel im Gelenk zu heilen?

Daran wird seit 30 Jahren geforscht, ich war selbst als junger Arzt mal in einer Forschungsgruppe. Da hat sich leider bis heute weniger getan, als ich erhofft hatte. Wir können Knorpel züchten, aber das bringt nur was bei jungen Menschen, bei denen wächst der verpflanzte Knorpel gut an. Meine jüngeren Kollegen werden es aber hoffentlich erleben, dass wir nicht mehr Knie- und Hüftprothesen einsetzen, sondern den Knorpel ersetzen.

Warum helfen Bewegung und Training, wenn das Gelenk doch bereits kaputt ist?

Weil Bewegung die Gelenke stabilisiert. Wenn die Muskulatur richtig arbeitet, ist der Schmerz oft weg. Der große Faktor ist der Muskel, das haben wir lange unterschätzt. Die Fußballer der 1970er-, 1980er-Jahre, Typen wie Gerd Müller, die hatten alle keinen Meniskus mehr. Der wurde damals einfach entfernt, trotzdem sind sie Weltmeister geworden.

Kommen Ihre Patienten heute schlechter mit dem Altern zurecht als früher?

Ja.

Das ist verblüffend. Die Medizin wird immer besser, sie erleichtert uns das Alter ja auch.

Die Medizin kann zwar mehr, aber die Ansprüche steigen. Neulich hatte ich einen 70-Jährigen, der mit dem Wohnmobil nach Spanien wollte, um dort bergsteigen zu gehen. Ich habe ihm schmerzlindernde Medikamente gegeben, aber auch klargemacht: Das ist mit 70 nicht mehr schmerzfrei zu haben.

Gab es einen Moment, wo Sie selbst über das eigene Altern erschrocken sind?

Als ich beim Reiten mit 50 zum ersten Mal merkte, meine Reflexe werden langsamer. Mein Hobby war Vielseitigkeitsreiten, da geht es durchs Gelände. Acht Wochen nach meinem 50. Geburtstag hatte ich einen Unfall. Zu meinem Geburtstag hatte ein Freund noch eine Rede gehalten: Wenn du ab 50 morgens aufstehst und keine Schmerzen mehr hast, bist du tot. Das fand ich damals nicht so witzig. Aber in gewisser Weise hatte er recht.

Was ist bei dem Unfall passiert?

Ich hatte eine Wirbelkörperfraktur, nach einem eigentlich unspektakulären Sturz vom Pferd. Wahrscheinlich bin ich nicht richtig abgerollt, da habe ich mir den zweiten Halswirbel gebrochen. Ich bin sogar noch mit dem Auto nach Hause gefahren, habe geduscht, mich ins Bett gelegt – und kam nicht wieder hoch.

Von welchem Orthopäden lässt man sich behandeln, wenn man selbst Orthopäde ist?

Normalerweise von meinen Kollegen hier in der Praxis, ich kenne ihre Röntgenbilder, sie kennen meine. Nach dem Unfall habe ich mich von meiner Frau allerdings nach Kassel fahren lassen, zu einem Oberarzt an meiner ehemaligen Klinik, von dem ich viel halte. Ich hatte gehofft, die Verletzung wäre gar nicht so schlimm. Er hat mich angeguckt und gesagt: Dich operieren wir gleich. Seitdem habe ich zwei Schrauben im Hals.

Das klingt, als hätten Sie sich selbst nicht ganz so vernünftig verhalten.

Es heißt ja immer, Ärzte sind die schlechtesten Patienten. Da ist schon was dran.

Reiten Sie noch?

Nein, nach dem Sturz habe ich den Wettkampfsport beendet. Ich wollte kein weiteres Risiko eingehen. Meine Haltung ist aber: Wenn jemand sein Herz an einen Sport hängt und keine Schmerzen hat, soll er das halt machen. Wir können nicht nur vernünftige Dinge tun. Der Patient macht sonst trotzdem weiter und erzählt es mir nur nicht. Wir haben mehr Probleme, die Leute zum Sport zu kriegen, als die paar Übermotivierten vom Sport fernzuhalten.

Dabei sieht es so aus, als wäre heute jeder in einem Fitnessstudio.

Das Gegenteil ist der Fall. Gerade die Jungen werden immer unsportlicher. Wenn man zu manchen 20- oder 25-Jährigen sagt, stell dich mal auf ein Bein, kippen die fast um. Schulsport wird ja auch nicht mehr so richtig betrieben. Hier in Lüneburg am Gymnasium haben sich die Eltern dafür ausgesprochen, dass es keine Wettkämpfe mehr geben soll. Denn es gibt ja Verlierer. Der Wettkampfgedanke ist total verpönt.

Mit welchen Patienten haben Sie am meisten Mitgefühl?

Wenn jemand mit schweren berufsbedingten Beschwerden kommt. Im Tiefbau oder auf dem Bau, da wird noch richtig geschuftet. Auch für die Landwirtschaft habe ich ein großes Herz. Ich lebe ja in Lüneburg, in der Heide. Der typische Heidjer, so nennen wir den typischen Bewohner hier, bevor der zum Arzt geht, das dauert. Im Hamburger Speckgürtel sind die Leute früher beim Orthopäden. Die hart Arbeitenden fallen gar nicht so auf. Die sagen dann oft: Steck ich ja weg. Ein Landwirt, Mitte 60, kam mal mit einer komplizierten Fraktur des Sprunggelenks. Ich sagte: ruhig stellen und Rollstuhl, er antwortete: Ich muss morgen früh die Kühe melken. Ich habe ihm einen extra dicken Liegegips gemacht und gesagt: Damit dürfen Sie nicht auftreten. Aber es war mir klar, dass er es trotzdem tun wird. Ist dann auch schlecht verheilt.

Haben Sie als junger Arzt anders auf Alte geschaut als heute?

Das hat sich sehr verändert. Ich kann mich erinnern, als junger Arzt, wenn da jemand kam mit 50 oder 60 und Probleme hatte an den Gelenken, da sagte ich, was wollen Sie noch?

War das Arroganz oder Unwissen?

Unwissen. Damals dachte ich, eine Prothese mit 60, das geht in Ordnung. Ein 60-jähriger Kollege sagte: Moment, da kann man noch was anderes machen, den operierst du erst mit 65. Der will ja auch noch 85 oder 90 werden. Früher war ein 60-Jähriger ein alter Mann. Da hat sich auch in der Gesellschaft etwas geändert. Heute gibt es Studien mit über 80-jährigen Männern, die belegen, dass man in dem Alter im Fitnessstudio noch Muskeln aufbauen kann. Das ist doch beruhigend.

Sie blicken jeden Tag auf die Folgen des Alterns. Empfinden Sie das als bedrückend?

Nein. Im Gegenteil, es gibt so viele positive Beispiele. Ich hatte gerade einen Patienten über 70, der hatte sich eine Verletzung beim Golfspielen zugezogen, er geht dreimal die Woche Golf spielen. Der macht was, der ist fit. Wie viele machen noch Langlauf im Alter! Die Patienten, die im Alter mit Sportverletzungen kommen, sind allerdings meistens Männer.

Die beeindrucken Sie?

Genau. Zu denen sage ich: Ich hoffe, dass ich mit 80 noch genauso fit bin wie Sie.

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this post was submitted on 19 Feb 2026
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