Content Warnings:
tätlicher Angriff (im Traum), Drogen
Disclaimer:
Moin zusammen,
uff, turbulente Zeiten sind das, so viel shit zu erledigen, wenn man endlich Depressionen bekämpfen will (kann?).
Drugs are bad, m’kay? Drogen sind ein gefährliches Spiel mit dem Kopf und das kann tödlich enden. That being said, wenn ihr es tun müsst, passt auf euch auf. Tut euch den Gefallen, informiert euch, gebt Safer Use eine Chance - Safe Use gibt es nicht. Haltet das Risiko klein, macht es nicht alleine, lernt anständig zu dosieren. Trinkt Wasser und versucht auf eure Körper zu hören, wenn sie euch warnen. Und so nebenbei, die Menschen in meinem Umfeld, die es geschafft haben, sich immer an alle Regeln zu halten, kann ich an einer Hand abzählen.
Und wenn man ein Mensch ist, dem dieses Risiko egal ist, dem die Drogen etwas geben, was sie sonst nirgendwo finden können, dann ist es sicherlich eine gute Idee, zu ergründen, woran das liegt und ob man auch einen weniger selbstzerstörerischen Weg gehen könnte.
In der Tiefe der Nacht, erhellt nur durch kegelförmiges Laternenlicht, gehe ich Richtung Bahnunterführung. Meine Magengrube meldet sich, ein flaues Gefühl, ich werde verfolgt. Dann sehe ich ihn, diesen großen, kräftigen Mann, er kommt auf mich zu. Was trägt er, einen Anzug, eine Uniform? Er kommt näher, wird immer größer, bedrohlicher. Ich habe Angst, was will er von mir? Mit einem Ruck packt er mich und drückt mich zu Boden, ich kann nichts machen. Meine Arme und Beine sind wie gelähmt in seinem festen Griff, ich bin völlig machtlos. Er ist jetzt direkt vor mir, blickt auf mich, sein Gesicht ein Schatten. Wie zu Eis erstarrt liege ich am Boden, regungslos, gefangen von einem Phantom.
Schweißgebadet erwachte ich in meinem Bett - der letzte Alptraum lag viele Jahre zurück. Ich wusste gar nicht mehr wie sich so etwas anfühlt, seit Ewigkeiten erinnerte ich mich kaum an Träume. Diese fürchterliche Atmosphäre, der man ausgeliefert ist. Wer war dieser Gegner? Was ist es, dass eine solche Macht über mich hat? Die Suche nach der Antwort begann in viel zu seltenen Journaleinträgen.
Nach der 10. flohen mein bester Schulfreund und ich aus unserer Stufe, an verschiedene Schulen. Mich verschlug es zunächst an ein Berufskolleg, wo ich ein Jahr in den Sand setzte, nur um dann zurückzugehen, eine Stufe drunter, in der ich ein paar Freunde hatte. Als die Lehrer unserer alten Stufe immer gesagt hatten, wir wären die schlimmste Klasse von allen, nahm ich an, dass sie das zu allen sagen – heute bin ich mir da nicht mehr so sicher.
In der neuen 11. hatten wir einen wundervollen Philosophielehrer, den wir Dank unseres relativ kleinen Kurses voll auskosten konnten. Doppelstunden in zwei Teilen: Zunächst stellte er ein Thema, wir teilten unsere Gedanken, Ideen und Vorstellungen, die er dann in der zweiten Hälfte argumentativ zerlegte. Es war glorreich, vielleicht der wichtigste Kurs meiner Schullaufbahn. Ich lernte, dass Moral etwas ist, was man sich aufbauen kann - anstatt einfach blind irgendwelchen an den Haaren herbeigezogenen Interpretationen eines alten Buches zu folgen. Alle, die mitgemacht haben, sind links-grün versifft aus diesem Kurs hervorgegangen.
Die Liebe zur Weisheit war erwacht. Philosophie ist ehrlich, sie macht dir nichts vor, setzt dir keine Lügen in den Kopf. „Ich denke also bin ich“, ist mein Körper echt? Ist unsere Welt überhaupt real? Fragen, die nicht mit absoluter Sicherheit beantwortet werden können – aber da ist etwas, irgendetwas, dass denkt und existiert. Die eine absolute Wahrheit, wenn man’s so will.
Später stolperte ich über Nietzsche, begann zu lesen und erfuhr eine eigenartige Verbindung zu diesem Menschen, dem Philosoph mit dem Hammer, der die letzten Überreste meiner Überzeugungen zerstückelte. Freier Wille ist Quatsch, Wahrheit ist eine Farce, Gott ist tot und ich bin frei. Ich will gar nicht so tun, als hätte ich ihn durch und durch verstanden, er ist verdammt gut darin, missverstanden zu werden, aber einer Sache bin ich mir sicher: Nihilismus ist keine Antwort, sondern ein Problem für Menschen, die nach Wahrheit suchen.
Zen-Buddhismus zieht mich in seinen Bann, aber ich bin nicht bereit loszulassen. Auch die großen Existentialisten konnten mich nicht überzeugen, später erklärte mir Camus, der Existentialist, der keiner sein wollte, wieso: Es ist philosophischer Suizid. Da ist nur das Absurde, die Sinnlosigkeit in der Suche nach der ultimativen Frage vom Leben, dem Universum und dem ganzen Rest. Es bleibt nur die Rebellion, eine Kampfansage an das Absurde: Die innere Weigerung sich von der Sinnlosigkeit fertig machen zu lassen.
Ja super, dann hatte ich mir also endlich einen ungezügelten Hedonismus rationalisiert, lebte vor mir her, von einer depressiven Episode in die Nächste, weiterhin geplagt von Gefühlen, die ich als „Mann“ nicht verstehen konnte. Dann fanden Drogen ihren Weg in mein Leben, ich hatte nie eine Chance.
Der deutschen Tradition entsprechend begann es natürlich mit Alkohol. Gras ist eine Einstiegsdroge, dass ich nicht lache. Mein Leben lang fühlte ich mich irgendwie fremd in meinem Umfeld, völlig egal wo, selbst unter den besten Freunden, ich war anders und verschlossen. Mit Alkohol konnte ich das ab und zu mal vergessen, ging auf in sozialen Interaktionen und hatte Spaß und Alkoholvergiftungen, bei denen man rückblickend durchaus auch mal ins Krankenhaus gekonnt hätte. Wir hatten Glück.
Aber das war nur was fürs Wochenende, Gras wurde mein täglicher Begleiter, beruhigte den Kopf und die Gefühle, dicht gefolgt von der Nikotinabhängigkeit. Tabak ist meine vielleicht am meisten verhasste Droge, sie gibt mir nichts, außer der temporären Beseitigung eines aus dem Konsum selbst entstandenen Stresses, was für ein beschissener Deal. Durch die Kifferei lebte der Kontakt zu meinem zweitältesten Bruder wieder auf, zwar zunächst nicht sonderlich emotional, aber zumindest eine physische Nähe war wieder vorhanden.
Ich begann mich für Ecstasy zu interessieren, las immer wieder im Internet von Menschen, die sich mit so was einlassen, informierte mich, sprach mit meinem Bruder. Irgendwann wollte ich es wissen und traf mich mit einem Kumpel, mein erstes Mal. Ich schluckte diese kleine Pille und verbringe eine kaum auszuhaltende Stunde mit Warten, bis es mich erreicht. Plötzlich ist da dieses Gefühl, das mir völlig fremd geworden war, eine Wärme durchströmt meinen Körper und ich bin einfach nur… glücklich, wie ich es zuletzt in meiner sorgenfreien, viel kurzen frühen Kindheit war.
Nach dem Abi ging es natürlich an die Uni, sonst wird aus einem ja nichts, wie ich in der Schule gelernt hatte. Ich versuchte es mit Mathe, fand kaum Anschluss, hatte keinen Kopf dafür und brach nach wenigen Monaten ab. Zum nächsten Semester fiel die Wahl dann auf Biologie, wo ich nach und nach einen zweiten Freundeskreis aufbauen konnte. Wenig später starteten wir unsere Clubkarriere.
Die erste Zeit war ich schlicht weg verliebt in diese wundervolle Techno-Szene. Wenn man sich mal anrempelt drehen sich beide um und entschuldigen sich, wildfremde Menschen umarmen sich, versorgen sich gegenseitig mit Wasser; Freundinnen schwärmen davon, einfach mal unbeschwert tanzen zu können, ohne ständig angestarrt und angefasst zu werden.
Circa ein halbes Jahr hatte ich eine rosa-rote Ecstasybrille auf, die Welt war nicht mehr grau, sie war bunt und fröhlich, selbst wenn ich nüchtern war, und Probleme waren irrelevant. Aus einer kurzen, weißen Liste an Drogen, die für mich okay sind, wurde nach und nach eine kurze schwarze Liste an Drogen, die ich nicht anrühren wollte (und auch bis auf eine Ausnahme nie angerührt habe): Die „wirklich bösen“ Drogen mit viel zu hohem Abhängigkeitspotenzial, Crack, Meth und Opiate.
Relativ schnell kam im Rahmen von Goa-Festivals, vielleicht das heutige Zuhause der Hippiekultur, auch LSD ins Spiel. Anfangs hatte ich sehr viel Respekt vor psychedelischen Drogen, vor dieser besonders. Man wurde gewarnt, Bad Trips, Horror Trips und Menschen die komplett darin hängen bleiben. Doch mit der rosa-roten Brille dachte ich mir, da kann nichts schief gehen. Inzwischen hatte ich mich ausgiebig informiert, lernte was Safer-Use bedeutet und riskierte es.
Es lässt sich einfach nicht in Worte fassen, die der Erfahrung gerecht werden. Beim ersten Trip wurde es zum Running-Gag, dass jm. versucht zu beschreiben, was bei ihm/ihr gerade abgeht, nur um nach einigen wirren Sätzen ein fassungsloses „Abgefahren….“ rauszustammeln. Acid durchzieht die gesamte Wahrnehmung, das gesamte Denken und stellt die Realität auf den Kopf. Ein wilder Strom an Assoziationen fließt durch einen durch, es formen sich chaotische, kaum festzuhaltende Gedanken, manchmal absolut brillante neue Perspektiven, manchmal völlig sinnloser Schwachsinn und alles dazwischen. In meinem Kopf eine Erinnerung, wie ich mit wehender Decke hinter’m Rücken Richtung Festivalgelände laufe, ein Gefühl von absoluter Freiheit.
Aber es kam wie es kommen musste und die rosa-rote Brille ließ nach. Dosen wurden erhöht, um das gewohnte Level zu erreichen, nicht selten war es zu viel, zum Glück nie zu viel zu viel. Auf Amphetamin und Ecstasy in durchzechten Clubnächten folgten chemische Kater, die mich gerne Mal eine Woche begleiteten und absolut brutale, depressive Episoden mitbrachten. Die selben Themen, die mich immer belasteten, waren dauerhaft präsent, potenziert mal 10 und kaum kontrollierbar; es war niederschmetternd und ich lernte, wer fliegen will muss auch wieder runterkommen. Ich liebte diese Nächte, aber war es den Preis wirklich wert?
Nach circa einem Jahr mit sogenannten harten Drogen wollte ich es dann wissen: Wie ist so ein Bad Trip, wie fühlt sich das an, wenn die Droge einem den Abgrund zeigt? Vor einem Horror Trip hatte ich keine Angst, also brach ich all die Regeln, die man nicht brechen sollte. Schlechte Verfassung (gestures wildly at everything), schlechtes Setting (Wochenendausflug mit vielen fremden Studenten), viel zu viel Gras im Gepäck (risky mit LSD), kein Trip-Sitter, Pappe rein und auf geht’s. Ein Kumpel war dabei, er zweifelt bis heute daran, ob wir damals wirklich LSD hatten, ich halte diese Zweifel für Quatsch.
Dann passierte es, nach 2-3 schönen Stunden mit Musik, Lichtern und Tanz. Damals verstand ich nicht, wie mir geschieht. In meinem Unterbewusstsein war dieser Teil von mir, allein, ängstlich und verzweifelt, eingeschlossen hinter einer Mauer - und ich war plötzlich auf der anderen Seite der Mauer. Zwischen mir und meinen Mitmenschen eine unendliche Distanz, ein unüberwindbares Hindernis. Einsamkeit und Hilflosigkeit treffen mich wie eine Bombe, es ist kaum auszuhalten. Ich kiffe und kiffe und kiffe und verharre für 20, vielleicht 30 Stunden in diesen Gefühlen, bin ihnen ausgeliefert und verstehe nicht was passiert. Ich bin völlig machtlos, kann nichts dagegen machen.
Irgendwann ließ das Ganze nach, doch die Erfahrung begleitete mich einige Monate, letztlich eher Jahre. Ich gab mein Bestes sie zu verstehen, erklärte mir diese unüberwindbare Instanz mit Indoktrination, Zynismus und was weiß ich. Aber da blieb auch eine Ahnung, dass es das einfach nicht sein kann, dass da mehr war, was ich nicht verstand. Es war der erste Kontakt zu diesem Teil von mir, den ich als Kind weggesperrt habe, der Zugang zu meinen Gefühlen. Und ich musste ihn wieder wegsperren, denn ich war nicht bereit.
Habe keinen Schimmer wo ich jetzt wäre, wenn ich diese Büchse der Pandora nicht aufgemacht hätte, wenn ich einen anderen, drogenfreien Weg eingeschlagen hätte. Kann mir Schlimmeres und Besseres vorstellen. Es hat mir viel gegeben, hat mich zu der offenen und akzeptierenden Frau gemacht, die ich heute bin. Aber es war nicht immer leicht, manchmal war es kaum erträglich und das Risiko war sehr hoch, in noch wesentlich gefährlichere Süchte abzurutschen, als es Gras, Essen oder stoff-ungebundene Abhängigkeiten sind. Ich für meinen Teil bereue es nicht, es ist wie es ist, machste nix.