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[–] 5 points 10 hours ago (7 children)

Umgekehrt wird ein Schuh draus.

Das Internet hätte das Gegengift dazu sein sollen, dass traditionelle Medien uns allzu sehr manipulieren können.

1996 schrieb Reinhard Mey ein Lied "Sei wachsam"; die zweite Strophe dient uns wohl als Zeitdokument, was eine mögliche Perspektive auf die Medienwelt war, bevor besonders viele Menschen Zugang zum Internet hatten.

Das Versprechen des Internets war, dass dadurch jeder von uns an der Produktion von Medien mitwirken kann und sich diese Zustände somit nachhaltig ändern.

Heute ist das Internet aber so zentralisiert, dass die Eigentümer der wenigen populären Plattformen durch Empfehlungsalgorithmen de facto dieselben Rollen übernommen haben, die einst die Eigentümer von Zeitungen und Fernsehsendern hatten.

Dass dieses Jahr ausgerechnet Peter Thiel einen Preis erhält, ist geradezu grotesk. Thiel bezeichnet sich zwar selbst noch harmlos als Libertären. Doch wenn dazu gehört, möglichst wenig Staat und viel wirtschaftliche und politische Freiheit zu wollen, meint er das wohl eher nur für sich und eine Tech-Elite, denn wirtschaftlicher Wettbewerb sei etwas für Verlierer. Machtkonzentration beschreibt seine Vorstellung wohl besser. Andere beschreiben ihn als Tech-Oligarchen oder sogar Technofaschisten, der nach autoritärer Macht und technologischer Kontrolle strebt.

[...]

Meistens fällt das Wort „Demokratie“ im Kontext von Thiel, wenn sein berüchtigtes Zitat angebracht wird: Er schrieb in einem Essay einmal selbst, dass er Freiheit und Demokratie für unvereinbar hält. Er äußerte, keine Hoffnung in demokratische Beteiligung oder Wahlen zu haben, und will staatliche Strukturen am liebsten auflösen.

Merken die Verfasser hier eigentlich nicht, wie sehr sie sich selbst widersprechen? Jemand, der "staatliche Strukturen am liebsten auflösen" will, kann doch kein "Faschist" sein; Faschismus war historisch immer eine Ideologie des starken/allmächtigen Staates. Das ist jetzt keine Verteidigung von Thiel, man soll ihn gerne kritisieren, aber kann man das denn nicht auf kohärente Weise machen?!

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  • [–] 2 points 6 hours ago*

    Ja, diese Riege von "Libertären" sind oft mehr Techno-Feudalisten oder Absolutisten als Faschisten. Die wollen gnädige Alleinherrscher in ihrem eigenen kleinen Stadtstaat[^1] sein, in dem jeder zu gehorchen und zu arbeiten hat, und abends Peter Thiel für das Essen zu danken, dass er ihnen beschert hat, oder sonst wird das Sprenghalsband gezündet.

    [^1]: Stichwörter: "Freedom Cities" oder "Network States" (oder ganz klassisch Corporate Towns im Zeitalter der Robber Barons).

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  • [–] 6 points 10 hours ago (4 children)

    Naja, wenn staatliche Strukturen aufgelöst werden, wird das Machtvakuum ja nicht bestehen bleiben. Thiel strebt keine Anarchie als solche an. Er will nur selbst in keiner Weise durch einen separat legitimierten Staat ausgebremst werden. Ich vermute es werden Konzerne die Lücken mit nicht demokratisch legitimierten Strukturen füllen. Thiel sprach doch auch von neo-feudalen Ideen. Ob er ein theoretisch reiner Faschist ist seinmal dahingestellt. Aber er will irgendwas mit einem starken Mann an der Spitze.

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  • [–] 6 points 10 hours ago (2 children)

    Anarchismus ist eine naive Träumerei, denn die Abwesenheit eines Staats führt genau dazu, dass nur genau diejenigen, die es sich leisten können, einfach machen können, was sie wollen. Auf Kosten aller Anderen natürlich.

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  • [–] 3 points 9 hours ago

    Anarchismus ist eine naive Träumerei, denn die Abwesenheit eines Staats führt genau dazu, dass nur genau diejenigen, die es sich leisten können, einfach machen können, was sie wollen.

    Legitimierungen aus dem 17. Jhd. über die Notwendigkeit von Staaten heranzuziehen erzeugt leider kein Argument gegen Strömungen, die sich genau gegen diese Vorstellung von permanenter Gewalt und daraus notwendiger Staatlichkeit und Herrschaft richten.

    Thiel zählt dagegen zu der recht jungen Strömung des Libertarismus, manchmal auch von den Anhängern Anarcho-Kapitalismus genannt, die Konzepte aus der österreichischen Schule übernommen und auf die Spitze getrieben haben.

    Die Vorstellung, dass Kapitalismus und Staaten symbiotisch sind und einander stabilisieren, ist eine deutlich ältere (linke) Idee und läuft unter dem Begriff des Anarchismus, der unter anderem die Abwesenheit von Herrschaft gegenüber anderen fordert. Das geht tiefer als dein Gotcha aus deinem Kommentar.

    Damit ist so etwas wie Anarcho-Kapitalismus bereits ein Widerspruch in sich, da die Anwesenheit von Kapital in den Händen einiger notwendigerweise Herrschaft impliziert, ist den Leuten wie Thiel wohl egal.

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  • [–] 3 points 9 hours ago*

    Die Ideologie der westlichen Welt ist die liberale Demokratie.

    • liberal = der Staat ist in seinem Handeln durch Gesetze, Grundrechte, Verfassungsbestimmungen beschränkt
    • Demokratie = staatliche Institutionen werden vom Volk gewählt bzw. teilweise staatliche Entscheidungen sogar direkt vom Volk getroffen

    Es ist ja wohl sicherlich eine legitime Debatte innerhalb der liberalen Demokratie, inwieweit es besser für die Gesellschaft ist, wenn der Staat stärker in seinem Handeln beschränkt ist (weil wir eine Gesellschaft auf der Basis individueller Rechte und Verbindungen haben wollen), oder wenn ihm mehr Entscheidungen über die Gesellschaft zufallen (weil der Staat demokratisch legitimiert ist, mächtige Privatpersonen oder -unternehmen aber nicht).

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