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Content Warnings:Indoktrination, Gender Dysphoria, Dissoziation, Essstörung, Homophobie, passive Suizidgedanken, Cannabis (ab)use

Disclaimer:Schönen guten Tag zusammen!

Ich habe noch was nachgedacht, was ich hier eigentlich genau mache.

Zum einen ist es wahnsinnig spannend, noch einmal einigermaßen systematisch über mein Leben zu reflektieren: In bisherigen Therapien habe ich mich immer im Kreis gedreht. Die Zeugenindoktrination habe ich lange Zeit als die Wurzel allen Leidens gesehen und es hat schon sooo vieles erklärt. Aber dass ich eine Frau bin, dieses Puzzleteil hat mir immer gefehlt – und jetzt macht plötzlich einfach alles Sinn.

Zum anderen möchte ich aber auch einen kleinen Beitrag dazu leisten, unsere Gesellschaft für ein paar Themen zu sensibilisieren. Allem voran für eine von vielen diversen Transgender-Erfahrungen, dicht gefolgt von dieser Sekte, die mitten unter uns ist.

Und wer weiß, vielleicht gibt es sogar jemanden, der hier was liest und es für die eigene Reise nutzen kann.

Es folgt für alle, die Lust haben, Teil 2.

Nun da war ich nun also, an den Anfängen der falschen Pubertät, mit einem Kopf durchseucht von toxischem, fanatischem Gedankengut. Die Welt und die Menschen in ihr sind böse, ich kann niemandem vertrauen. Als Zeuge war ich anders, etwas Besseres, wir waren die einzig Guten, erlernter Narzissmus. Jetzt bin ich böse, denn ich entschied mich für die Welt. Ich bin schuldig und verdiene den Tod. Und der wird kommen, bald. Mein Leben hatte keinen Sinn, denn Gott war der einzige Sinn im Leben. Und Liebe, das ist etwas, was man nicht einfach bekommt, das muss man sich verdienen.

Hinzu kamen all diese Verbote und Regeln, deren wahrer Zweck es ist, dass Zeugen sich in der Welt als anders & ausgeschlossen fühlen; keine Heimat finden. Freunde erzählten tagtäglich von all den spannenden Sachen, die sie im TV sehen durften, wo ich nie mitreden konnte. Furchtbare Sachen wie X-Faktor oder Dragonball durfte ich nicht sehen. Harry Potter durfte ich lesen, nur um dann bei Teil 4 zu lernen, dass das ganz böser Okkultismus ist.

Völlig verstörende Bibelgeschichten waren aber natürlich okay, wie die Geschichte vom treuen Abraham, der im Glaubenswahn seinen verdammten Sohn opfern will. Mich würde man natürlich auch opfern, wenn ich Pech hätte und eine Bluttransfusion zum Überleben bräuchte: Opfer dieser Regel, wurden in so mancher Lektüre als Märtyrer gefeiert.

Kein Weihnachten, kein Geburtstag. Das einzige „Fest“ ist eine Extrakircheneinlage um Ostern, bei der die psychotischsten unter den Zeugen vom Leib Christi speisen dürfen, weil sie überzeugt sind, von Gott persönlich als ganz besondere Menschen auserwählt zu sein, um im Himmel über den verbliebenen Rest im Paradies zu regieren¹.

Und in mir ein völlig verängstigtes, hilfloses, kleines Mädchen, weggesperrt und versteckt, in den Tiefen meines Unterbewusstseins. Versteckt vor der Welt und vor mir selbst. Sie weint und schreit, doch niemand kann sie trösten, weder ich noch sonst jemand. Da ist nur ein schwarzes Loch, dass gestopft werden muss.

Was sollte ich schon tun? Niemand konnte mir helfen. Ein völlig überfordertes Kind in einer existenziellen Krise. Kein Vertrauen, kein Mentor, nichts. Ich stürzte mich tiefer in meine Süchte, Computerspiele und Essen. Wofür ein Leben planen, dass eh fast vorbei ist? Bis heute habe ich keinen Schimmer, wie man zu diesem Menschen, der ich war, hätte durchdringen können. Gab es echte Versuche? Ich erinnere mich nicht. Sicherlich gab es Menschen in meinem Umfeld, die mein Leiden sahen. Waren sie einfach genauso hilflos, wie ich es war?

Immer mehr suchte ich nach Ausflüchten, nicht zu den Zeugen zu gehen, mich abzukapseln. Es gab ein Gespräch mit meinem Vater, bei dem ich von Zweifeln erzählte, ob es Gott gibt. Zweifel die ich mir zurecht gelegt hatte… aus echter Überzeugung, oder um mich vor den quälenden Schuldgefühlen zu schützen? Für meinen Vater war der Gedanke, dass es keinen Gott geben könnte, buchstäblich unvorstellbar. Und meine Eltern ließen mich ziehen, wie sie meine Brüder ziehen ließen². Die ältesten Zwei durfte ich schon längst nicht mehr sehen, denn sie waren schlechter Einfluss.

Erste Berührungspunkte mit der Pubertät: Sexualkunde in der Grundschule, Jungs und Mädchen wurden getrennt, wieso? Meine Schwester kam nicht mit zum Schwimmverein, weil sie ihre Tage hatte. „Was ist das?“, fragte ich meinen Bruder. Er erklärte es mir. Ich war neugierig, fragte, ob oder wann ich das bekomme.

Durch mein Binge-Eating nahm ich zu, in den schlimmsten Zeiten brachte ich fast 150 kg auf die Waage. Langfristig erfolglose Abnehmversuche führten nur zu mehr Frustration. Ich hasste es, mich im Spiegel oder auf Bildern zu sehen, was ich so gut ich konnte vermied. Irgendetwas stimmt einfach nicht, mit dem Jungen, der mir da entgegen blickt. Ist ja offensichtlich wieso, ich bin viel zu dick. Meine Kleidung bestand nur noch aus weiten, etwas zu großen Teilen. Phasenweise kam zu den Fressattacken Bulimie hinzu, „Schadensbegrenzung“.

Als kantiger Skaterboy ließ ich mir die Haare wachsen, woraufhin ein Mädchen in meiner Klasse mich beleidigte, ich sähe aus wie eine fette Frau. Das hat echt weh getan… dass sie mich fett genannt hat. Mobbing war mir nicht fremd, aber alles in allem bin ich diesbezüglich noch gut weggekommen, da mein bester Schulfreund sehr beliebt war. Ich will mir echt nicht ausmalen, wie die Schulzeit ohne ihn gewesen wäre <3.

In meinem Hals wuchs ein Fremdkörper. Es fühlte sich komisch an, wie ein Knoten. Wenn ich wegen damals häufiger grippaler Infekte oder später Refluxproblemen beim Arzt war, erwähnte ich das, aber damit konnte nie jemand etwas anfangen, ist halt so. Ich begann meine Stimme zu hassen, wieso denn eigentlich?

Es sollte noch 20 Jahre dauern, bis ich herausfinde, dass da sehr viel Gender-Dysphoria ist. Dank der Zeugen war praktisch alles was queer ist bloß eine Schublade von falschen Menschen. Hier und da sah man mal Menschen wie Hella von Sinnen oder Hape Kerkeling im Fernsehen, begleitet vom verächtlichen Schnauben meines Vaters. Transmenschen gab es in meiner Wahrnehmung überhaupt nicht. Wenn ich Drag sah, fühlte ich mich unwohl und verstand nie wieso. Die Gesellschaft war nicht sehr weit und auch ich war nicht bereit.

Irgendwann outete sich mein Bruder fast beiläufig als schwul. Er erklärte, dass er das einfach immer gewusst hat, was ich nicht verstand. Nun begann in mir ein Konflikt zwischen erlernter Homophobie und der simplen Tatsache, dass ich meinen Bruder liebe. Die Liebe siegte, aber es brauchte Zeit, was mich heute sehr traurig macht. Es brauchte Zeit, bis ich echte Akzeptanz aufbringen konnte, das tut mir heute furchtbar Leid. Glücklicherweise hatte er Akzeptanz längst woanders finden können, draußen in der bösen Welt, in die er vor unserer Familie geflohen ist.

Für mich hieß Sexualität, ich stelle mir Frauen vor, schaue mir in TV/Internet Frauen an, spiele an mir rum und habe daran Spaß. Wie man das halt so macht, als männlicher Mann. Ist es wirklich das, worauf ich stehe, oder habe ich mich bloß dazu konditioniert? Ständig, täglich, manchmal mehrfach. Ich habe es geliebt und gehasst, wie jede andere meiner Süchte auch. Diese durchtriebene Dauergeilheit, angetrieben vom Überfluss an Testosteron, eine Droge, für die ich mich nie entschieden hatte.

Als ich in Geschichte von Eunuchen lernte, war ich eigenartig fasziniert von diesem Leben. Völlig unabhängig von jeder Geschlechtsfrage stellte ich mir wiederholt vor, dass ich ohne Penis ein glücklicherer, besser funktionierender Mensch wäre. Denkt bestimmt jeder Mann hin und wieder, oder?

Meine Freunde sammelten erste Erfahrungen mit Mädchen, miteinander gehen, Händchen halten und so was. In mir war eine tiefe Sehnsucht nach Nähe und Zuneigung, aber auch die war tief vergraben. Auf fremde Menschen zugehen, dass hat mir immer Angst gemacht, und dann auch noch mit irgendwelchen kaum definierten, „männlichen“ Hintergedanken, das war schlicht unmöglich. Die bloße Möglichkeit als Creep (als Mann) wahrgenommen werden zu können, ekelhaft. Und überhaupt, als ob sich jemals jemand in so einen dicken, hässlichen Menschen verlieben könnte…

Das alles ging in mir vor, doch ich verstand nichts. Da waren nur diese ganzen Gefühle, die sich nicht schön anfühlten, die ich damals nicht benennen konnte und nicht ertragen wollte. Angst, Eifersucht, Scham, Zorn, Hass auf mich und den Rest der Welt. Und in meinem Kopf ein endloser Nebel. Es kam nie zu echten Plänen, aber der Gedanke, ich könnte mir das Leben nehmen, wenn es zu schlimm wird, begann mir Trost zu spenden. Ein Sturz vom Balkon, ein Sprung vor die Bahn, und mein Leid wäre vorbei. Aber das wollte ich nie. Ich wollte nicht sterben, nur leben wollte ich auch nicht.

Dann fand ich erste Hilfe, als ich 17 war. Vielleicht hat es mir das Leben gerettet, vielleicht hat es mein Leiden verlängert, das werde ich nie wissen. Mein Cousin und bester Freund, schon bevor ich denken konnte, ein lebenslanger, schlechter Einfluss (an dieser Stelle ein fettes Danke), brachte Gras in unser Leben. Und verdammte scheiße, hatte ich das nötig. Ein neues Werkzeug in meinem Suchtkasten, Dissoziation zum rauchen. Um die Mauer in mir legte sich eine Wolke aus Gras. „Scheiß auf Gefühle, ich bin ja ein Mann.“ Noch ein ganzes Stück losgelöster von all den Gefühlen konnte mein Kopf endlich anfangen zu rattern - verliebte sich in die Philosophie.

Fußnoten¹Wer wird Harmageddon überleben? Spannende Frage. Mir hat man beigebracht, dass nur wahre Christen (lies: Zeugen) verschont werden, wenn Jesus kommt und die Bösen austilgt. Danach gäbe es eine große Auferstehung, bei der vielen Menschen noch eine zweite Chance gegeben werden soll, was viel genau heißt, ist unklar und hat sich in der Geschichte der Sekte gewandelt. Wer definitiv nicht dazu gehört, sind Menschen, die sich bewusst von Jehova abgewandt haben, diejenigen, die Zugang zur Wahrheit hatten und sie ablehnten. In Jesus’ 1000-jährigem Reich darf dann bewiesen werden, wer würdig ist – Der Rest wird dann endgültig ausgelöscht (lies: Nicht-Existenz, keine Hölle). Die Créme de la Créme der Zeugen, die 144.000, darf an Jesus Seite im Himmel regieren.

²Einige von euch haben vielleicht gehört, dass Zeugen den Kontakt zu Mitgliedern abbrechen, wenn diese sich von der Sekte abwenden. Das passiert und zerstört Leben: Menschen in existentiellen Krisen verlieren von jetzt auf gleich ihr ganzes Support-System. Wenn die Vorsteher entscheiden, dass jemand zu viel sündigt und nicht genug Reue zeigt, wird die Gemeinschaft angewiesen, den Kontakt einzustellen. Ob das von allen durchgesetzt wird hängt aber am Ende auch davon ob, ob die Mitglieder das durchsetzen.

Zuletzt wurde das meines Wissens nach leicht gelockert – zufälligerweise während die Zeugen in Norwegen einen Rechtsstreit um die Anerkennung als Religion führen; dieses sog. shunning ist ein wichtiger Vorwurf in diesem Verfahren und es geht um sehr viel Geld.

Im Fall meiner Familie mussten meine Eltern diese Entscheidung nie treffen, denn meine Brüder und ich waren nicht getauft – bei Hereingeborenen passiert das eher in Teenageralter / Jugend, aber oft auch wesentlich früher. Kommt immer drauf an, wie gut die Indoktrination sitzt und wie viel Druck von Eltern und Umfeld kommt.

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[-] jamie_veal@feddit.org 5 points 5 days ago
this post was submitted on 01 Feb 2026
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