Zunächst ein Hinweis zur RPG - Reihe, da hatte ich hier vergessen einen Teil zu posten. Auf Substrack ist die Reihe vollständig siehe hier
Mitautoren meiner Momente
Für mich hat das Kennenlernen von Menschen eine Bedeutung, die anscheinend etwas tiefer ist als üblich. Es ist nicht einfach ein notwendiges Übel um nicht allein zu sein, sondern eine Art Hauptbewegung meines Lebens. Für mich ist eine Hauptquest des Lebens: Menschen zu begegnen, sie wirklich zu erleben, und dadurch selbst Teil ihrer Geschichte zu werden und sie Teil meiner werden zu lassen.
Damit meine ich nicht, dass ich in Erinnerung bleibe oder dass jemand irgendwann sagt „da war mal jemand“. Das ist etwas Oberflächlicheres, das passiert fast automatisch unter bestimmten Bedingungen. Ich meine etwas anderes: dass man in zumindest einem Lebensabschnitt aus der Erzählung des selben nicht mehr wegzudenken ist. Nicht als Randfigur, sondern als notwendiger Teil der Struktur dieser Zeit. Das kann bei mir durch Nähe entstehen, durch emotionale Verdichtung, durch gemeinsame Entscheidungen, Konflikte oder geteilte Momente. Es kann aber genauso gut durch reine Dauer entstehen. Zwei Menschen, die zwanzig Jahre lang nebeneinander arbeiten, acht Stunden am Tag, vierzig Stunden die Woche, werden zwangsläufig Teil derselben Erzähl-Realität. Selbst wenn sie privat nichts miteinander teilen, selbst wenn sie sich nicht mögen, wird diese gemeinsame Zeit später nicht mehr vollständig beschreibbar sein, ohne den jeweils anderen mitzudenken.
Genau deshalb hat dieses „in Geschichten vorkommen“ für mich nichts Exklusives oder Romantisches im engen Sinn. Es ist kein Preis für besondere Nähe, sondern ein Effekt von gemeinsam gelebter Zeit und gegenseitiger Wahrnehmung. Und trotzdem bleibt es für mich eines der zentralen Dinge, die zwischen Menschen passieren können. Neue Menschen in meinem Leben beginnen für mich nicht als „neutral“ oder „unwichtig“, sondern als Möglichkeit. Nicht im Sinne einer romantischen Überhöhung, sondern im Sinne eines offenen Status: Diese Begegnung könnte Bedeutung bekommen, könnte verschwinden, könnte sich in etwas Dauerhaftes verwandeln oder nur als kurzer Moment im Verlauf bleiben. Aber in dem Moment, in dem sie passiert, ist sie es immer wert.
Biografische Relevanz ist für mich kein objektives Maß und kein Punktesystem. Sie ist eher eine spätere Verdichtung. Im Rückblick werden aus Gesprächen, Sonnenaufgängen, Konflikten oder Nähephasen Abschnitte, die sich nicht mehr aus meiner erlebten Zeit sauber herauslösen lassen, ohne dass die Geschichte unvollständig wird. Nicht jeder Mensch wird so ein Abschnitt, aber wenn er es wird, ist das nicht vorher als Status erkennbar gewesen, sondern erst aus dem Verlauf der Zeit zu erkennen.
Ich glaube nicht, dass diese Relevanz planbar ist. Sie entsteht nicht durch Absicht, sondern durch Wiederholung, Intensität, Konflikt, Nähe oder auch schlicht durch lange Dauer, die sich später nicht mehr entkoppeln lassen vom Gesamtbild einer Zeit.
Dabei ist mir wichtig, dass das keine Bewertung von Menschen ist. Niemand muss „Kapitel werden“, um Bedeutung zu haben, jeder Mensch hat für sich selbst die ultimative Bedeutung unabhängig davon wie wichtig er mir oder anderen ist. Wenn es nicht entsteht, dann heißt das nur dass es zwischen zwei Menschen nicht war. Unsere Spezies besteht aus etwa 8 Milliarden Exemplaren, jedes ein Universum aus Eigenschaften, Charaktereigenschaften, Prägungen, Vorlieben, Hobbys, Macken usw., jedes unendlich individuell und doch ähnlich.
Was bleibt, ist eine Art innere Archivlogik: Ich kann viele Menschen nicht vollständig aus dem entfernen, was war. Sie bleiben als Teil dessen, wie diese Zeit gewesen ist und dass möchte ich auch in deren Leben sein.
Mitautoren meiner Momente