Hab ne kulturelle Woche hinter mir…
Donnerstag war ich im Theater in „Love me Tender“, basierend auf dem gleichnamigen Roman. Ein Stück über eine Frau, die ihren Mann verlässt, den gut bezahlten Job aufgibt, ihre Wohnung verliert und auch sonst allen Luxus hinter sich lässt um mit Frauen Sex zu haben und ein Buch zu schreiben. Leider bleibt dabei auch ihr Sohn auf der Strecke, den ihr ex ihr durch Sorgerechtsstreits entzieht. Wenn die Hauptperson männlich wäre, wäre dieses Stück eine stereotype Scheidungsgeschichte. Aber die Hauptperson ist weiblich, weshalb viele der Dynamiken anders verlaufen, sie ist deutlich schwächer gestellt und gesellschaftlich weniger akzeptiert. Trotzdem hatte ich am Ende zwar Verständnis, aber wenig Sympathie für die Hauptfigur. Die Beziehung zu ihrem Sohn scheint sie aus egoistischen Gründen weiterführen zu wollen, was der Sohn dabei denkt ist nicht so wichtig. Bindungen, Liebe, Mutterschaft sind für sie Schimpfworte, die sie auf der Suche nach der persönlichen Freiheit behindern. Die Inszenierung hat mir gut gefallen, bis auf die Hauptperson gab es keine weitere Schauspieler, sie wurde aber von 3 Schauspielerinnen gleichzeitig gespielt. Auch das eher karge Bühnenbild hat gut gepasst.
Den Rest der Woche habe ich vie gelesen:
Mikhail Lermontov/ Ein Held unserer Zeit: Ein faszinierendes Werk über einen einst als dunklen Helden angesehenen Charakter, das heute jedoch eher wie das Tagebuch eines Narzissten wirkt. Als es geschrieben wurde, schien die Hauptfigur eine etwas ambivalente Persönlichkeit zu sein, ein machiavellistisches Genie, das ignorante gesellschaftliche Konventionen missachtet und alle Menschen in seiner Umgebung manipuliert. Ein dunkler Held, wie Byron ihn beschrieben hätte. Für einen modernen Leser geht jedoch das meiste davon verloren. Petschorin wirkt eher wie ein nervöser Aufreißer, der sich um nichts kümmert und sich hinter einer Maske vorgegebener Berechnung versteckt. Lermontov war ein Genie in der Art und Weise, wie er diese Geschichte erzählt. Es war eine großartige Entscheidung, zuerst andere Menschen über seinen Protagonisten erzählen zu lassen und dann den Protagonisten selbst zu seinem unzuverlässigen Erzähler zu machen. Lermontovs Bemerkung, dass der Titel des Buches ironisch sein könnte oder auch nicht, verleiht ihm die notwendige Mehrdeutigkeit. Ich habe es wirklich genossen, dieses Buch von vorne bis hinten zu lesen.
Voltaire / Candide: Ein so altes und grundlegendes Werk zu beurteilen, ist immer mit gewissen Herausforderungen verbunden. Einerseits sieht man deutlich, dass es zu seiner Zeit wahrscheinlich revolutionär war und einen Paradigmenwechsel darstellte. Andererseits kennt man bereits die Konzepte und Ideen, die sich daraus entwickelt haben, und diese sind möglicherweise besser durchdacht, da sie die hier vorgestellten Ideen weiterentwickeln. Vor allem Humor ist schwierig, da er auf einem Kontext basiert, der modernen Lesern möglicherweise fehlt. Candide macht vieles sehr gut, aber manchmal ist es etwas zu offensichtlich, was es darstellen will, fast schon bis zur Ungeschicklichkeit. Ich habe es gerne gelesen, aber insgesamt hat es mich nicht so sehr beeindruckt wie vielleicht die Leser, als es zum ersten Mal veröffentlicht wurde.
E.T.A. Hoffmann / Der Sandmann:
Hoffmann hat hier für seine Zeit mit Sicherheit etwas spannendes und innovatives geschaffen, aber mich persönlich hat es leider nicht umgehauen. Das liegt vor allem daran, dass die Figur des Sandmanns eine viel kleinere Rolle spielt, als zunächst angenommen. Coppolla wird am Anfang als bedrohliche Mephisto Figur mit alchemistischen Fähigkeiten auf gebaut, irgendwann dann aber von Olimpia verdrängt. Für mich fühlt sich das zuweilen fast wie zwei Geschichten an, die verschmolzen wurden. Die eine behandelt den mythische Sandmann, die andere die emotionslose Automatendame.
Worin Hoffmann jedoch gut ist, das ist bei der Verwendung von Motiven, Symbolen und erzeugen von mystischer oder bedrohlicher Stimmung. Das hätte damals so einiges für den Deutschunterricht hergegeben und ist deshalb sicher auch heute noch dort beliebt. Auch die Ambivalenz ob sich Nathanael alles nur einbildet, eine Psychose erleidet oder der Sandmann wirklich existiert war eine gute Wahl.