Toms Abschiedsrede
Lieber Fikret, was bedeutet es, dass Du 1956 in Eskişehir in der Türkei geboren wurdest, 1985 nach Deutschland kamst, den Kültürverein mitbegründet hast und 2010 das Kulturcafé Neruda eröffnet hast? Was bedeutet es, dass Du mit dem Augsburger Pop-Preis Roy, dem Zukunftspreis und der Verdienstmedaille der Stadt Augsburg ausgezeichnet wurdest?
Vor 25 Jahren hast Du Dich taufen lassen. Du hast eine Frau, zwei Töchter und eine Enkelin. Der Krebs hat nun Deinen Körper zerstört und nach wenigen Wochen hat Dein Herz aufgehört zu schlagen.
Alle, die das Glück hatten, Dich und Deine ewige Seele zu erleben, wissen um das Viele zwischen den Daten! In Deiner Gegenwart wusste man: Jeder ist angenommen! Oder wenigstens fast. Denn Rassismus und Verachtung haben im bunten Baum des Friedens keinen Platz. In Deinem Bild vom bunten Baum sind wir alle Früchte – vielfältig, da bunt und wertvoll, weil Frucht. Dies hast Du gelebt und das war Dein größtes Kunstwerk!
Du warst vielfältiger Künstler, erschufst Grafiken, Schnitzereien, einmalige Texte, Gedichte und Theaterstücke. »Kültürverein« und »Kulturcafé Neruda« sind soziale Skulpturen. Dein Symbol ist der bunte Baum. Dein Vermächtnis ist, dass dieser wachsen soll!
Ein typischer Abend im Neruda: »kling« – der Löffel schlägt auf den Teller und Du hältst Deine unnachahmliche Rede. Dann spielen Deine »Neruda-Kinder« wunderbare Musik, die in eine Jamsession übergeht. In der Pause geht der Hut herum und es ist einfach alles gut.
Weit über die Grenzen Augsburgs hinaus wirkt das und spannt die Brücke der Musik zwischen Kulturen. Schwäbische derbe Volksmusik, türkisch melancholische Klänge der Saz oder brasilianische Rhythmen, Dichterlesungen und philosophische Gespräche und immer wieder die Jamsessions. All das wechselt sich an verschiedenen Tagen in Deinem »Neruda«-Café ab und verbindet sich zu einem Ganzen.
Wie funktioniert das gegenüber eines Altenheims mit mutmaßlich erhöhtem Ruhebedarf? Ganz einfach: gute Nachbarschaft und Respekt, bei dem dann auch viele Bewohnerinnen selbst zu Gästen wurden.
Es waren viele Gäste: z. B. Deutschkurse oder der theologische Stammtisch, Greenpeace oder sonntagabends die Kirchgängerinnen der Dominikanerkirche.
Deine stille Freude über jeden kleinen Schritt zum Frieden schien endlos. Dein Körper war es nicht. Bis kurz vor Schluss hast Du trotz Schmerzen praktiziert. Im März warst Du noch selbst mit Döner und Sauerkraut auf der Bühne, um deutlich zu machen: »Warum dieser Streit. Dieser Land gehört mir, jenes dir? – Es gibt nur ein einziges Land: Sein Name ist Erde. Warum der Streit: ich bin weiß, er ist schwarz? Es gibt nur ein einzige Rasse: ihr Name ist MENSCH.« (Original, ohne sprachliche Korrekturen!)
Dann gingst Du, kurz schmerzvoll, aber mit dem Trost in Begleitung Deiner engsten Familie.
Fikret, Du große Seele!
Beisetzungsgottesdienst ist am 2. Juni um 9:30 Uhr in Sankt Moritz, Erdbestattung anschließend am Hermanfriedhof.
Anmerkung von mir: Entschuldigt bitte, dass ich das hier in Feddit poste, obwohl es nicht ganz passt. Fikret war auch für mich ein wichtiger Mensch und Freund.