26
submitted 2 days ago* (last edited 2 days ago) by kalrados12@feddit.org to c/fragfeddit@feddit.org

Ich komme nicht aus einer reichen Familie und arbeite ganz normal. Als Teenager habe ich trotzdem ziemlich viel über ethischen Konsum nachgedacht. Keine Ahnung, was genau der Auslöser dafür war. Man hört ja schon seit Jahren ständig davon, wie problematisch unser Konsum ist, wie Menschen bei der Produktion ausgebeutet werden usw.

Gerade bei Kleidung habe ich das immer ziemlich schlimm gefunden. Wenn ich lese, unter welchen Bedingungen manche Menschen für sehr wenig Geld arbeiten müssen, finde ich das natürlich nicht okay. Vor allem weil ich selbst arbeite und weiß, wie wichtig vernünftige Arbeitsbedingungen sind.

Deshalb habe ich lange versucht, möglichst keine Sachen von großen Fast-Fashion- oder Massenmarkt-Marken zu kaufen. Ich wollte lieber Produkte von Firmen kaufen, die irgendwie „verantwortungsvoller“ produzieren.

Mittlerweile mache ich das aber nicht mehr. Nicht, weil mir das Thema plötzlich egal ist, sondern weil ich gemerkt habe, dass ich es mir einfach nicht leisten kann.

Das ist mir besonders vor ein paar Monaten aufgefallen, als ich aus ethischen Gründen Vegetarier werden wollte. Ich wollte einfach kein Fleisch mehr essen, weil ich die Haltung und Schlachtung von Tieren nicht unterstützen wollte.

Das Problem war nur: Viele Produkte, die ich als Alternative gefunden habe, waren für mich ziemlich teuer. Bei mir in der Stadt gibt es zum Beispiel einen Bio-Supermarkt. Ich kann dort ehrlich gesagt kaum einkaufen, weil die Preise für mich einfach viel zu hoch sind. Wenn ich dort bin, habe ich auch jedes Mal das Gefühl, dass dort hauptsächlich Leute einkaufen, die deutlich mehr Geld haben als ich.

Und ja, ich weiß, dass jetzt wahrscheinlich jemand kommt und sagt, dass man auch billig vegetarisch leben kann. Darum geht es mir aber gar nicht. Ich will keine Diskussion darüber führen, ob man theoretisch mit 2 € am Tag vegetarisch leben kann.

Ich werde von einem Salat einfach nicht satt. Fleisch ist für mich eine relativ günstige Möglichkeit, genug Kalorien und Eiweiß zu bekommen. Dazu kommen Reis, Nudeln, Kartoffeln, Haferflocken usw. Das ist einfach mein normales Essen.

Bei Kleidung ist es genauso. Ich kann mir nicht leisten, jedes T-Shirt für 50 oder 100 € bei irgendeiner nachhaltigen Marke zu kaufen. Wenn ich neue Kleidung brauche, kaufe ich sie halt bei H&M oder irgendwo, wo sie billig ist.

Und ich sage das nicht, um zu erzählen, wie arm ich bin. Mir geht es um etwas anderes.

Wenn man wenig Geld hat, ist „ethischer Konsum“ einfach nicht immer eine echte Option.

Was mich dabei inzwischen ziemlich stört, ist, wie viel Schuld dem einzelnen Konsumenten gegeben wird.

Kauf keine Fast Fashion. Kauf kein Plastik. Kauf Bio. Kauf regional. Kauf nachhaltig. Iss kein Fleisch. Schau immer nach, wo etwas produziert wurde.

Aber warum liegt die Verantwortung dafür eigentlich so stark beim Konsumenten?

Ich kaufe eine Plastikflasche und soll mich schlecht fühlen. Gleichzeitig produziert Coca-Cola wahrscheinlich mehr Plastikverpackungen, als ich in meinem ganzen Leben verbrauchen werde.

Ich kaufe ein billiges T-Shirt und soll mich dafür schuldig fühlen. Aber warum wird nicht viel stärker darüber gesprochen, wie die Unternehmen produzieren und welche Arbeitsbedingungen sie schaffen?

Ich verstehe schon, dass Konsumenten durch ihre Kaufentscheidungen etwas beeinflussen können. Und ich finde Ausbeutung oder Umweltverschmutzung natürlich nicht gut.

Aber ich finde es irgendwie absurd, von Menschen mit wenig Geld zu erwarten, dass sie bei jedem Einkauf die moralisch perfekte Entscheidung treffen.

Wenn die „ethische“ Alternative doppelt oder dreimal so viel kostet, dann ist das für jemanden mit wenig Geld keine wirkliche Wahl.

Und deshalb habe ich aufgehört, mich deswegen schlecht zu fühlen.

Ich würde lieber in einer Gesellschaft leben, in der faire Arbeitsbedingungen, vernünftige Produktion und weniger Umweltverschmutzung nicht davon abhängen, ob sich der einzelne Konsument das teurere Produkt leisten kann.

UPD: Ich fühle mich schuldig, weil ich darauf verzichte, aber ich weiß nicht, was ich mit dieser Schuld anfangen soll, die mir von der Gesellschaft eingeredet wird. Was soll ich richtig machen? Ist unethischer Konsum für arme Menschen moralisch gerechtfertigt, wenn man davon ausgeht, dass sich ein armer Mensch ethischen Konsum nicht leisten kann? Und folgt aus meinen obigen Aussagen, dass ethischer Konsum vor allem ein neues Statussymbol ist, das es ermöglicht, die Gesellschaft zu spalten?

you are viewing a single comment's thread
view the rest of the comments
[-] horsesaysweird@feddit.org 15 points 2 days ago

Du hast zwar gesagt, dass Du keine Ratschläge willst, aber ich kann das so nicht stehen lassen.

Fleisch ist für mich eine relativ günstige Möglichkeit, genug Kalorien und Eiweiß zu bekommen. Dazu kommen Reis, Nudeln, Kartoffeln, Haferflocken usw. Das ist einfach mein normales Essen.

Fleisch ist so ziemlich das teuerste Lebensmittel und ernährungstechnisch nicht wirklich notwendig wenn Du viel Reis, Kartoffeln, Hülsenfrüchte, Obst und Gemüse isst. Lass einfach das Fleisch weg und kauf Dir stattdessen einmal im Monat B12-Tabletten für ~2-3 €. Wenn Du jeden Tag Fleisch isst, solltest Du dadurch locker einen zweistelligen Betrag sparen können. Wenn es nicht immer das billigste Supermarkfleisch ist, wahrscheinlich mehr.

Ich kann mir nicht leisten, jedes T-Shirt für 50 oder 100 € bei irgendeiner nachhaltigen Marke zu kaufen.

Ich will eigentlich keine Werbung machen, aber bei grundstoff.net oder avocadostore.de gibt's T-Shirts für gut 10 €. Das ist vielleicht doppelt so teuer wie bei H&M, aber wieviele T-Shirts braucht man? Vielleicht drei pro Jahr?


Es gibt natürlich andere Gründe, keinen Bock auf ethischen Konsum zu haben. Ich bin selber arm und weiß, dass man davon leicht schlechte Laune kriegt, und mit schlechter Laune fällt es einem ungleich schwerer, sich über die Bedürfnisse von Leuten Gedanken zu machen, die so weit weg und fremd sind, dass sie eigentlich nur theoretisch existieren. Und wenn man doch mal gute Laune hat und sie mit einem Eis oder Döner feiern will, dann ist man sofort wieder betrübt, weil man was Böses getan hat.

Um die eigene Armut irgendwie herumzukonsumieren ist ohnehin schon nicht leicht, und es wird definitiv nicht einfacher, wenn man sich auch noch um die Armut anderer Gedanken machen muss. Ich kann total gut verstehen, wenn Du da keinen Bock mehr drauf hast und aufgibst.

Aber es geht. Irgendwie. Meistens. Und wenn es mal nicht geht, oder wenn man einfach gerade keine verfickte Lust hat, dann ist das vollkommen in Ordnung! Wenn Du Deinen Fleischkonsum auch nur um 1 % reduzierst, bist Du ethisch auf dem richtigen Weg und sparst sogar noch Geld dabei. Wenn Deine Ansprüche an Dich zu hoch sind, dann schraub Deine Ansprüche runter und schmeiß nicht einfach alles hin. Du musst es nicht von "Fleisch ist die Grundlage jeder Mahlzeit" zu "ich esse nichts was einen Schatten wirft" einem Schritt schaffen. Es ist sogar in Ordnung, nie ans Ziel zu gelangen, solange Du immer wieder in paar kleine Schritte in die richtige Richtung gehst, so wie es eben gerade geht.

this post was submitted on 17 Aug 2026
26 points (84.2% liked)

Frag Feddit (Ask Feddit)

766 readers
11 users here now

founded 2 years ago
MODERATORS