Hintergrund | Arte: Fuck the Planet

Jakarta versinkt, der Meeresspiegel steigt – doch warum verhallten die vielen Warnungen ungehört? Schon im 19. Jahrhundert warnten Forscher vor den Folgen der Industrialisierung. Aber politische und wirtschaftliche Interessen blockierten jahrzehntelang wirksamen Klimaschutz. Es bleibt die entscheidende Frage: Wann werden die Folgen des Nicht-Handelns unübersehbar?

Teil 1: Fuck the Planet - Ist unser Klima noch zu retten?

In Jakarta zeigen sich die dramatischen Folgen des Klimawandels: Der steigende Meeresspiegel droht die Millionenmetropole auszulöschen. Dabei warnen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler schon lange vor den Folgen der Erderwärmung. Doch die alarmierenden Erkenntnisse wurden oft in den Wind geschlagen – aus wirtschaftlichen, energiepolitischen und geopolitischen Interessen.

Aktuell leben rund acht Milliarden Menschen auf der Erde, fast eine Milliarde davon in Küstenregionen, die bereits vom Klimawandel betroffen sind. Jakarta ist eines der eindrücklichsten Beispiele: Jedes Jahr setzt der Monsun weite Teile der Stadt unter Wasser. Gleichzeitig sinkt die Metropole stetig ab, während der Meeresspiegel unaufhaltsam steigt.

Warum haben die Warnungen der Wissenschaft nicht schon viel früher zu einem entschlossenen Handeln geführt? Bereits im 19. Jahrhundert erkannten Forscherinnen und Forscher, dass die Industrialisierung die Atmosphäre verändern und die Temperaturen deutlich ansteigen lassen könnte.

Mitte des 20. Jahrhunderts mehrten sich die Stimmen von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die vor unabsehbaren Umweltfolgen durch die Nutzung fossiler Energieträger warnten. Die Studie "Die Grenzen des Wachstums" und die Stockholmer Umweltkonferenz markierten den Beginn eines internationalen Problembewusstseins. Die erste Ölkrise führte jedoch dazu, dass die westlichen Industriestaaten verstärkt auf Kohle setzten und Umweltfragen erneut in den Hintergrund rückten. Wissenschaftlerinnen und Umweltaktivisten versuchten daraufhin, die US-Regierung unter Jimmy Carter zum Handeln zu bewegen.

Der Klimawandel wurde zu einem globalen politischen Thema, auch wenn die konkreten Maßnahmen weit hinter den wissenschaftlichen Erkenntnissen zurückblieben. Für Klimaforscher und -forscherinnen stand damals jedoch schon fest: Die Folgen des politischen Nichtstuns werden sich früher oder später bemerkbar machen.

Video: Web | MP4 | Weitere

Teil 2: Fuck the Planet - Ist unser Klima noch zu retten?

Ende der 1970er Jahre bestätigte die Wissenschaft, dass eine Erderwärmung um etwa drei Grad wahrscheinlich ist. Mit dem Amtsantritt von US-Präsident Ronald Reagan bremsten wirtschaftliche Interessen die Klimapolitik jedoch zunächst aus. Erst durch eine Anhörung des Klimaforschers James Hansen vor dem US-Kongress 1988 wurde der Klimawandel zum politischen Thema.

Ende der 1970er Jahre gab US-Präsident Jimmy Carter bei führenden Klimaforschern eine Untersuchung zu den Risiken der globalen Erwärmung in Auftrag – trotz des von ihm begonnenen massiven Ausbaus der Kohleförderung. Ziel war es, die Abhängigkeit der USA von importiertem Erdöl zu verringern. Unter Leitung des Meteorologen Jule Charney kam eine Expertenkommission zu dem Ergebnis, dass eine Verdopplung des CO2-Gehalts der Atmosphäre im Laufe des 21. Jahrhunderts zu einer Erderwärmung um etwa drei Grad Celsius führen würde.

Die Wahl Ronald Reagans führte zu einem politischen Kurswechsel: Umweltauflagen wurden zurückgenommen, obwohl ein neuer Bericht der US-Akademie der Wissenschaften zahlreiche Warnungen enthielt. Statt auf eine sofortige Reduzierung der Emissionen sollte auf künftige technologische Fortschritte gesetzt werden. Der Ökonom William Nordhaus entwickelte sogar Kosten-Nutzen-Modelle, die eine Erwärmung um drei Grad als wirtschaftlich "optimal" darstellten, während dem renommierten Klimaforscher James Hansen gleichzeitig die finanziellen Mittel gekürzt wurden.

Mitte der 1980er Jahre gelang es Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen, mit Hilfe von Eisbohrkernen einen einzigartigen Blick auf die Klimageschichte der vergangenen 150.000 Jahre zu werfen. Sie konnten dadurch eindeutig belegen, dass der CO2-Gehalt der Atmosphäre seit Beginn der Industrialisierung in bislang unbekanntem Ausmaß gestiegen war. 1988 erklärte James Hansen schließlich vor dem US-Kongress, dass der Klimawandel bereits begonnen habe. Seine Aussage markierte einen Wendepunkt.

Video: Web | MP4 | Weitere

Teil 3: Fuck the Planet - Ist unser Klima noch zu retten?

Nach den Warnungen des Klimaforschers James Hansen und der Gründung des Weltklimarats im Jahr 1988 fürchtete die fossile Energiewirtschaft um ihr Geschäftsmodell. Im Vorfeld des Umweltgipfels von Rio de Janeiro 1992, auf dem sich die Staaten zu einem gemeinsamen Vorgehen verpflichteten, gründeten führende Öl-, Kohle- und Energieunternehmen die Global Climate Coalition.

Die Global Climate Coalition finanzierte tendenziöse Studien, unterstützte klimaskeptische Experten, stellte die Forschungsergebnisse des Weltklimarats infrage und betrieb intensive Lobbyarbeit, um klimapolitische Entscheidungen möglichst lange hinauszuzögern.

Gleichzeitig nahm die Globalisierung rasant an Fahrt auf. Zwischen 1990 und 2010 nahm der weltweite Schiffsverkehr stark zu, Produktionsstandorte wurden nach Asien verlagert und multinationale Unternehmen etablierten globale Lieferketten, die auf reichlich verfügbarer und kostengünstiger fossiler Energie beruhten. Trotz immer eindringlicherer Warnungen von Forscherinnen und Forschern blieb das Wirtschaftswachstum oberstes politisches Ziel.

Anfang der 2000er Jahre versuchte der Klimaforscher James Hansen erneut, Regierungen von der Dringlichkeit des Problems zu überzeugen. Er kritisierte Politiker, die nur jene wissenschaftlichen Erkenntnisse akzeptierten, die ihren Interessen entsprachen und warnte davor, dass diese Form der Verdrängung in eine ökologische Katastrophe führen werde. Obwohl sich die Global Climate Coalition schließlich auflöste, wurde ihre Strategie von marktradikalen Thinktanks fortgeführt. Inzwischen hat die globale Erwärmung bereits 1,5 Grad Celsius erreicht – und vielerorts tritt die Anpassung an den Klimawandel zunehmend an die Stelle seiner Bekämpfung. In Bangkok, New York, Japan und Jakarta werden Milliarden in Projekte zum Schutz vor dem steigenden Meeresspiegel investiert.

VIdeo: Web | MP4 | Weitere

Die Videos sind noch bis zum 07. April 2027 verfügbar. Ladet sie also sicherheitshalber gerne herunter.

#Hintergrund #Klimawandel #Klimaerhitzung #Mensch #Gier #Kapitalismus #Staat #Staatengemeinschaft #Klimawandelfolgen #Wissenschaft #Arte @dach

you are viewing a single comment's thread
view the rest of the comments
[–] 3 points 9 hours ago* (last edited 9 hours ago) (2 children)

Aber politische und wirtschaftliche Interessen blockierten jahrzehntelang wirksamen Klimaschutz

Die Vergangenheitsform zu verwenden ist bereits falsch.

Doch die alarmierenden Erkenntnisse wurden oft in den Wind geschlagen – aus wirtschaftlichen, energiepolitischen und geopolitischen Interessen.

Wirtschaftlich ergibt es keinen Sinn, denn die Klimafolgen kosten weit mehr als die Zerstörung einbringt. Außerdem ist saubere Energie längst preiswerter als die Alternativen.
Geopolitisch gibt es kein Land mit dem Interesse, sich abhängig zu machen, aber nchts anderes bedeutet die Verwendung von fossilen Brennstoffen, die nunmal ungleich verteilt sind.
Und energiepolitische Erwägungen spiegeln exakt die geopolitischen wider: Unabhängigkeit durch grüne, selbstproduzierte Energie bringt Versorgungssicherheit. Sollte jedem klar sein, der schonmal erlebt hat wie Mangel auf Grund geopolitischer Ereignisse zu Rationierungen und massiven Preisanstiegen (die letztendlich das selbe bewirken) führen.

Warum haben die Warnungen der Wissenschaft nicht schon viel früher zu einem entschlossenen Handeln geführt?

Aus exakt dem selben Grund wie wir im Jahr 2026 nichts tun. Die Geschichtsstunde ist zwar niedlich aber ändert halt nichts. Da sind wir dann wieder beim ersten Punkt. Nur wenn man sich einbildet, dass es heute nicht genauso wie früher ist, ergibt es Sinn, die früheren Ereignisse zu analysieren. Da sich aber absolut nichts geändert hat, müssen wir auch nicht in der Geschichte nach den Details suchen, die keine Änderung verursacht haben.

1988 erklärte James Hansen schließlich vor dem US-Kongress, dass der Klimawandel bereits begonnen habe. Seine Aussage markierte einen Wendepunkt.

Also tun wir seit 1988 endlich etwas gegen den Klimawandel? Nein? Schade aber auch! Naja, drüber zu jammern, während man weiterhin nichts tut ist natürlich auch irgendwo ein Wendepunkt... Also nicht für die Bekämpfung des Klimawandels aber für die Erkenntnis, dass die Menschheit wohl verdient verloren ist.

1988 fürchtete die fossile Energiewirtschaft um ihr Geschäftsmodell. Im Vorfeld des Umweltgipfels von Rio de Janeiro 1992, auf dem sich die Staaten zu einem gemeinsamen Vorgehen verpflichteten, gründeten führende Öl-, Kohle- und Energieunternehmen die Global Climate Coalition.
Die Global Climate Coalition finanzierte tendenziöse Studien, unterstützte klimaskeptische Experten, stellte die Forschungsergebnisse des Weltklimarats infrage und betrieb intensive Lobbyarbeit, um klimapolitische Entscheidungen möglichst lange hinauszuzögern.

Und damit kommen wir dann nach viel unnötigen Gelaber zur einfachen Tatsache: Eine winzige Menge Menschen ist durch fossile Brennstoffe unvorstellbar reich geworden. Und die möchten gerne weiter abartige Mengen von Geld scheffeln. Deshalb geben sie einen winzigkleinen Bruchteil ihres Geldes aus, um Menschen zu verblöden und unsere korrupten Politiker zu bezahlen, damit das Feuerchen weiter brennt.

Oder kurz gesagt: Guillotinen sind leider aus der Mode gekommen, also werden wir den Planeten weiter abfackeln müssen. Aber keine Angst, es gibt genug Wahnsinn, Lügenmärchen und Kulturkampf für alle da draußen, um sich währenddessen mit imaginären Problemen abzulenken, damit das nicht so belastet.

  • source
  • hideshow 4 child comments
  • [–] 1 point 5 hours ago*

    Wirtschaftlich ergibt es keinen Sinn

    Klimaschutz bringt nur dann wirklich was, wenn die meisten Großverschmutzer-Länder mitziehen, ansonsten schießt man seiner Wirtschaft quasi für nichts in den Fuß. Insofern ergibt es schon Sinn, wenn man pessimistisch bzw. realistisch auf andere Länder schaut. Wobei es natürlich so oder so dann Sinn machen würde, für verbindliche, weltweite und effektive Klimaschutzregeln zu lobbyieren, was die deutschen Wirtschaftslobbys natürlich nicht tun.

  • source
  • parent