Ich bin angekommen. Das heißt nicht, dass ich nie wieder irgendwo hingehen werde. Es heißt nur, ich bin endlich zu Hause. Hier, an der Küste, bei meinem Hobbit, in dieser Küche, in diesem Land, in meinem Leben, in meiner Musik, in meiner Arbeit. Ich bin angekommen. Und jetzt habe ich Angst, es zu verlieren. Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich wirklich Angst dieses Leben wieder zu verlieren. Weil es teuer war, hierherzukommen. Unzählige Stunden etwas über die Welt und mich selbst lernen, durchleiden, verstehen. Milliarden von Zufällen noch obendrauf, die mich werden ließen wie ich bin. Dutzende Menschen, die mir auf angenehme oder auch weniger angenehme Art etwas über das Leben lehrten. Es war unglaublich teuer in meinem Leben anzukommen und ich befürchte manche sind bereit die Grundlagen dafür leichtfertig zu riskieren.

Ich hab dagegen gekämpft, mit Engagement in Social Media, in endlosen Diskussionen mit Fakten, Argumenten und aller Geduld zu der ich fähig bin. Es frisst einen. Irgendwann hab ich den Account auf Threads gelöscht und irgendwann später sogar das Schreiben wieder aufgeben wollen: Die Welt will brennen, soll sie doch. Ich kann nicht mehr, das ist alles so aufgedreht, so übersalzen… ich bin ratlos wie man das retten soll.

Aber ich mache mein „Jemand“-Projekt doch weiter. Das ist mein Lebenswerk. Über 300 Texte mittlerweile über den Wert des Gewöhnlichen, des Durchschnittlichen, den Wert jedes einzelnen Menschen und dessen Alltag, erzählt an meinem eigenen Leben.

Wenn es niemand liest, deren Pech. Das ist der Beitrag, den ich leisten kann. Das normale Leben aufschreiben, das wir alle zu verlieren hätten.

Gestern nun also:

Die Suche nach Kuttern und das finden von Zufriedenheit

Der Morgen begann mit Kaffee und Müsli, von Herrn Schmitt-Beutlin hingestellt, bevor er mich weckt. Dann hab ich mich auf den Weg gemacht. Fischereitag. Sieben Kutter sollten im Hafen sein. Der NDR hatte darüber berichtet, also dachte ich, schaun mer mal. Und was war? Zwei. Keine Ahnung, wo die anderen waren. Aber diese zwei weckten in mir das Gefühl, das Krabben- und Fischkutter immer tun: Sie wirken wie Relikte aus einer anderen Zeit. Wie Gameboy und Walkman. Ich hab da gestanden und mich gefragt: Aber will ich, dass sie verschwinden? Und ich merke: Ich weiß die Antwort nicht wirklich.

Danach bin ich am Südstrand entlang gelaufen, weil ich dann eh noch einkaufen musste. Und so genoss ich erneut meine Lieblingslandschaft. Glitzern der Sonne auf dem Wasser der Jadebucht, Wellenrauschen auf den Steinen, Steinwälzer (kleine, unglaublich niedliche Vögel) in Scharen am Ufer, Möwen am Himmel, leichter Wind mit Salzgeruch und diesem Hauch von moddrigem Schlick der dir sagt: Ja! Nordsee! Kein Zweifel möglich! Ich wohne hier nicht zufällig. Ich gucke hin und denke: boah, das tut gut.

Dann erst mal die Linsenchips nachkaufen, die ich gestern leer gefuttert habe. Wer das Essen eines anderen Hobbits auf isst, muss für Nachschub sorgen...

Zum Feierabend dann die Bohnensuppe. Fränkische, nach dem Rezept meiner Mutter. Die Bohnen lagen schon seit gestern im Wasser. Seit Stunden köchelt sie nun. Eine fränkische Bohnensuppe besteht nicht aus Wachtelbohnen, Kartoffeln, Liebstöckel und Rauchfleisch… Na ja, rein technisch tut sie das, aber woraus sie wirklich besteht… ist Zeit. Kurz vor Ende kam das Bauchfleisch rein, schön knusprig. Und zuletzt türkische Rindswürste, weil wir hier keine Frankfurter Rindswürste kriegen. Aber geschmacklich ist da kein Unterschied, vielleicht sogar der gleiche Hersteller.

Nebenbei hab ich mich noch um Spül- und Waschmaschine gekümmert, es war kein spektakulärer Tag, aber einer bei dem ich gemerkt habe wie sehr mir mein Leben mittlerweile passt:

Ich bin in dieser Wohnung, an dieser Küste, mit diesem tollen Hobbit zusammen, hab eine Waffenruhe mit meiner Psyche und höre den Tag über J.J. Cale. Hab ihn für mich erst vor ein paar Wochen entdeckt, mit 44. Ich war mein halbes Leben unter Musikleuten, und keiner hat gesagt: „Hör dir J.J. Cale an. Der streut Umami-Karamellzucker in die Ohren, nicht süß, aber unwiderstehlich.“ Also musste ich ihn umständlich selbst entdecken, aber auch dieser Fund trägt zu meiner Zufriedenheit bei.

Und abends, frei nach Tom Hanks als FedEx-Mitarbeiter in Cast Away, will ich es einfach mal wieder in die Welt schreien:

ICH HABE BOHNENSUPPE GEMACHT!

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