Das Buch war nur so halb meines. Es ist gut geschrieben (ich habe die englische Version gelesen), aber ich mag das Setting nicht. Die Geschichte ist mmn vielleicht Solarpunk aber kein Hopepunk.

Ein großer Punkt ist, dass das Buch wesentlich näher an unserer Zeit spielt als die meisten anderen Werke (ich glaube grob 2040-2100). Und Rebecca Campbell beschreibt eine Welt die unter anderem vom Klimawandel richtig zerstört wurde (man merkt auch, dass das Buch im Schatten von Corona geschrieben wurde. Erstens weil die Uni nie wieder aus dem Distanzunterricht rausgekommen ist, zweitens weil alle paar Seiten geschrieben werden muss, dass eine neue Krankheit alles und jeden tötet (leicht übertrieben)). Die Menschen in dem Buch sind die meiste Zeit einfach nur am überleben, aber nicht am Leben (zumindest in der ersten Hälfte). Und dieses überleben liest sich wie ein Fegefeuer. Alle paar Seiten muss irgendwer/irgendwas zerstört/verletzt/getötet werden und ein Waldbrand brennt alles nieder und eine Überschwemmung reißt den Rest mit weg. Und ja der Klimawandel könnte Teile unserer Umgebung genau so vernichten, aber für mich ist Solarpunk/Hopepunk die Idee einer Utopie, in der wir Klimawandel und die anderen großen Probleme der Menschheit halbwegs in den Griff bekommen haben und weniger zerstörerisch, dafür aber egalitärer leben. Eine Art Inspiration, um etwas zu haben auf das man im hier und jetzt zielen kann. Und das ist Aborreality einfach nicht.

Was mir gefallen hat ist der ganze Handlungsstrang um den Bau einer Geige. Es kann gut sein, dass bei mehr ppm CO2 kein Holz mehr wächst, das für eine Profigeige geeignet ist. Und die Idee die Vergangenheit fast archäologisch ausgraben zu müssen, um Kernholz zu finden, das dicht genug ist, ist faszinierend. Aber auch hier kommt wieder so viel Negatives ins Spiel. Die Geigenbauperson verletzt ihre Schulter beim Versuch Holz zu holen und ist lebenslang eingeschränkt, die Person für die er die Geige baut, hängt ihre Profikarriere an den Nagel (völlig okay, aber er hatte darauf gehofft, dass sie die Geige dafür nutzt), es ist das letzte Ebenholz, das es jemals geben wird, sein Lehrmeister stirbt kurz nachdem die Geige das erste Mal bespielt wird und DIE Geigenbauregion Italiens brennt restlos nieder. Das Buch ist in gewisser Weise die Warhammer 40k Version eines Solarpunk Buchs, alles ist scheiße und wenn etwas gut ist, fordert es schreckliche Konsequenzen.

Zumal das Szenario nur bedingt glaubhaft ist. Die Personen haben Zugang zu CRISPR 6 und können genetisch veränderte Pflanzen herstellen, aber haben keine Möglichkeit Asthma zu behandeln, keine großen digitalen Geräte, nachdem sie kaputt gegangen sind und keine Elektromobilität, you serious? Die Gruppe wirkt auch im Kontrast zu den Kanadierinnen am Ende des Buches so ein bisschen wie Amische, wenn das Sinn ergibt (nur mit einer Buße tun Komponente). Unsere Vorfahren haben die Welt mit umweltschädlichen Technologien "zerstört", also werden wir sämtliche Vorstädte niederbrennen und wiederaufforsten (mit einem transgenen sich schnell verbreitenden und andere Bäume auskonkurrierenden Organismus, den wir nicht wirklich aufhalten können, what could possibly go wrong?) und existieren selbst gerade so, auch weil sie wenig Technologie einsetzen. Es ist gleichzeitig (auch verdeutlicht durch die langsame Zerstörung der Unibibliothek) viel Wissen über Technologie verloren gegangen, aber ich behaupte die Menschen könnten deutlich mehr haben und schaffen wenn sie Technologie einsetzen und bauen wöllten. Der Kontrast wird dann auch durch die Kanadierinnen deutlich. Diese haben das offensichtlich geschafft und können daher wesentlich besser überleben. Gleichzeitig scheint ihre Gesellschaft weniger frei zu sein (es gibt Milliardärinnen und sie sind offensichtlich ständig auf der Suche nach Leuten die in der Arktisregion in Uranminen arbeiten wollen. Die Kanadierinnen haben auf mich so gewirkt, als sollten sie ein bisschen ein Inbegriff des "weiter so" mit anderen Mitteln sein (wir wissen aber auch ziemlich wenig über sie). Sie könnten grundsätzlich einfach nur eine kapitalistische Gesellschaft mit etwas weniger Umweltzerstörung sein (yay^^). Sie wirken auch ein bisschen als würden sie sich für überlegen halten. Der Eindruck ist zumindest bei mir entstanden, als es um die Aufzeichnung der Geschichten der Arborrealistinnen ging. Dieser war zwar zum einen dafür, dass die Kanadierinnen ihren "Stammbaum" rekonstruieren können, weil viele Familien durch Klimaflucht zerrissen wurden, zum anderen erinnert es aber auch stark an westliche Kulturanthropologie. So ein "Wir erforschen jetzt Mal diese fremde/wilde Kultur".

Die Kathedrale aus Bäumen geformt finde ich eine total coole und schöne Idee. Ich glaube es wäre cool ein "Baum-Haus" als kulturelle Stätte/Versammlungsort zu haben.

Ansonsten aber aus den oben genannten Gründen nur so halb mein Buch. Freue mich auf Eure Reviews und Euren Senf zu meinem Senf

1 comment

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[–] 2 points 13 hours ago

Sorry for the English.

Greetings from Solarpunk (slrpnk.net)! I've recently re-read this book as part of Solarpunk Book Club (unrelated to slrpnk.net). You can check out our discord here: https://discord.gg/qtnaEGNFQ

I truly believe this is a Solarpunk book even though it's "in the shit." For me, the prose is especially poetic. The themes of the book describe resilience and, even though there are dark moments and melancholy, over the span of 60ish years there is hope. There is hope that we as humans can survive, that we can learn lessons from the abuses of the 20th century, that we can work together to still create moments of serenity and beauty even when the world is raging against us.

And hope is the definitive trait of Solarpunk, but one that is coupled with the pragmatism found in Rebecca Campbell's excellent novel. I hope the others reading along give it a chance.

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